Smartphone-Demokratie: Wie Social Media und Technologien Politik verändern

Smartphone Demokratie Adrienne Fichter NZZ LibroSmartphone-Demokratie von Adrienne Fichter ist ein Buch zu einem brisanten Thema. Die Politik im 21. Jahrhundert hat sich mit Social Media und modernen Technologien grundlegend verändert. Adrienne Fichter ist Politologin und Social Media-Expertin, seit Jahren umtriebig unterwegs zu ihren Kernthemen Politik und Netz. Gut hat sie die Ergebnisse ihrer Recherchen und ihre Erfahrungen gemeinsam mit zwölf Autorinnen und Autoren in dieses neue Fachbuch gepackt.

Statt eines Untertitels betonen die Hashtags #fakenews, #facebook, #populismus, #weibo und #civitech die Schwerpunkte, welche die Leserinnen erwarten. Das Vorwort hat kein geringerer als Richard Gutjahr geschrieben. Adrienne Fichter kenne  und schätze ich schon länger aus vielen fachlichen Diskussionen. Darum habe ich sie auch gebeten, mir drei Fragen zur Einordnung dieses Buches zu beantworten. Ich lasse sie also die Rezension zu ihrem Buch gleich selber beginnen.

Zum Start 3 Fragen an die Herausgeberin

Adrienne Fichter Autorin und Herausgeberin von Smartphone-Demokratie
Adrienne Fichter
Was ist die Kernaussage des Buches Smartphone-Demokratie?

Das Buch „Smartphone-Demokratie“ will die Chancen und Gefahren der digitalen politischen Meinungsbildung beleuchten. Konkret haben wir uns alle „Buzzwords“ vorgeknöpft, die zurzeit in den Medien herumschwirren: Fake News, Bots, Filterblasen, Civic Tech, eCollecting, digitaler Populismus. Wir wollten dabei nicht nur Probleme der Technologiekonzerne wälzen, sondern eben auch spannende Alternativen von demokratiefreundlichen Netzwerken aufzeigen.

Du triffst Mark Zuckerberg, welche Frage stellst du ihm?

Ich frage ihn: Hast Du Deine Entscheidung bereut, Facebook politischer zu machen? Wenn Du die Wahl hättest, zwischen einem einfachen Social Network (mit e-Commerce) wie es Facebook 2011 noch gewesen ist und heute: würdest Du Deine Entscheidungen (Medienhacking, Trending Topics, politische kommerzielle Kampagnen) wieder rückgängig machen?

Welche Chance sollte keine Partei und kein Politiker im Web verpassen?

Ich finde Twitter gerade wegen der fehlenden Selektion durch Algorithmen nach wie vor einen der „besten“ Räume für politische Debatten trotz aller Troll&Bots-Probleme. Gerade für Politiker ist es das beste Gefäss (nicht zuletzt wegen der erweiterten Zeichenzahl) um Meinungen kundzutun, Journalistinnen zu erreichen, sich etwas persönlicher zu geben und Transparenz in den Polit-Alltag (durch Twittern der Sessionen) zu gewähren.

Politische Meinungsbildung

Im Zentrum von Smartphone-Demokratie steht die politische Meinungsbildung im Netz. In der Einleitung startet Adrienne Fichter nachdenklich:

Das Internet hat sämtliche Bereiche demokratisiert. Ausser ironischerweise die Demokratie selbst.

Und sie ist mit ihren Co-Autorinnen und -Autoren angetreten, in 17 Kapiteln zu beleuchten, was sie damit meint. Entstanden ist ein Buch, das Politikerinnen, Parteien, NGOs aber auch Bürger wie Sie und mich beschäftigen muss. Zu viele Mechanismen sind im Gang, die unser demokratisches Verständnis angreifen und die unabhängige Meinungsbildung gefährden. Sie sind in der Diskussion angekommen, dieses Buch bringt nicht nur Fragmente, sondern Zusammenhänge. Gut gelungen ist in diesem Mehr-Autorenwerk, dass die Verfasser in ihren Kapiteln Querverweise auf andere Beiträge gemacht haben. Der Leserin gibt dies das gute Gefühl, dass sich das Kollektiv abgesprochen und auf das gegenseitige Fachwissen aufgebaut hat. Und was sie geschrieben haben, ist nicht aus der Luft gegriffen. Das Buch schliesst mit einem 25seitigen Quellenverzeichnis ab und bietet damit enorm viel Stoff für die weitere Vertiefung.

Emotionen ziehen

In diesem Buch haben mich naturgemäss besonders jene Kapitel interessiert, welche die Nutzung von digitalen Technologien und sozialen Netzwerken aus Sicht der Kommunikation beleuchten.

Ingrid Brodnig stellt im Kapitel „Sammelbecken für Populisten“ fest, dass es kein Naturgesetz ist, dass Rechtspopulistinnen die digitale Debatte dominieren. Sie verstehen es, Emotionen zu erzeugen, welche Menschen zum Klicken und Kommentieren bringen. Auf diese Interaktion reagieren dann wiederum Algorithmen wohlwollend – und enttarnen sich dabei als nicht sonderlich intelligent. Besonders spannend: Ingrid Brodnig verrät auch, wie man es schafft, Wortmeldungen von Populisten so zu kommentieren, dass der Algorithmus nicht greift.

Umzingelt von Desinformation

Smartphone-Demokratie Adrienne Fichter NZZ LibroColin Porlezza zerlegt Fake-News: Wo handelt es sich um Gerüchte, die an Glaubwürdigkeit gewinnen, weil einfach alle daran glauben? Wo fangen gezielte Desinformation und Lügen an? Er stellt ernüchtert fest: „Mit jeder medientechnologischen Neuerung wurde es einfacher, Falschinformationen rascher, umfangreicher und weitreichender zu verbreiten.“ In einer Welt voller Aufreger tut es gut, hin und wieder Begriffe zu sezieren und in ihrer Bedeutung zu umreissen. Besonders gut gefällt mir die Zusammenstellung der 7 Typen von Desinformation und deren Gründe (Seiten 38/39), die er aus Firstdraftnews herausgearbeitet hat. Super spannend übrigens auch die Darlegung, wie Medienunternehmen wie CNN, The Guardian oder BBC von einem Netzwerk aus Desinformation umgeben sind. In einem anderen Kapitel wird verdeutlicht, dass Fake-News besonders in geschlossenen Gruppen und Messenger-Apps zirkulieren.

Blick in die Schweiz

In der Schweiz haben sich Polit-Kampagnen innerhalb der letzten fünf Jahre systematisch und professionell um Social-Media-Elemente erweitert, stellen Sarah Bütikofer und Thomas Willi in ihrem Kapitel fest. „Schätzungen verschiedener Kampagnenverantwortlicher gehen davon aus, dass mittlerweile rund ein Fünftel des Budgets von Kampagnen in Social Media fliessen und somit dem Dialog und der Interaktion mit den Botschaftsempfängern immer mehr Bedeutung zukommt.“ Ein paar Seiten geben sie dann aber, im Gegensatz zu anderen Ländern, Entwarnung: „Zum aktuellen Zeitpunkt ist deshalb davon auszugehen, dass politische Prozesse in der Schweiz bisher nicht durch die Digitalisierung und Social Media in ihren Grundpfeilern verändert wurden.“

Der Wahlkampf ist tot …

… es lebe der Online-Wahlkampf. Diese Kapitel ist eines der brisantesten im ganzen Buch. Martin Fuchs arbeitet darin den Bundestagswahlkampf #btw17 auf. Die zentrale Frage: „Welchen Teil des Online-Wahlkampfs sehe ich als Einzelner denn überhaupt von aussen?“ Die „Messengerisierung“ der Gesellschaft führt dazu, dass im Dark Social – also von andern nicht einsehbar – Botschaften sehr gezielt an Wählerinnen und Wähler weitergegeben werden. Wer weiss den schon, wer welche Anzeige auf Facebook oder welches Suchresultat auf Google zugespielt bekommen hat?

Im Gegensatz zu Inseraten in Zeitungen oder auf Wahlplakaten auf jedem Acker hat die Digitalisierung mit der Personalisierung von Botschaften disruptiven Charakter. Zitiert wird der Journalist Hannes Grasseger, der von einer gezielten Atomisierung der öffentlichen Wahrnehmung spricht: „Jeder Empfänger sieht eine andere Botschaft.“ Die Diskussion über politische Vorlagen dürfte damit immer mehr zum „Babylonischen Dorf“ (meine Wortschöpfung) werden. Alle hören etwas, niemand weiss genau, was der andere weiss und woher. Man spricht miteinander, aber aufgrund unterschiedlicher Quellen aneinander vorbei. Da ist Zündstoff drin. Und nach meinem Geschmack zuviel Potenzial für Manipulation.

Achtung Algorithmen

Algorithmen haben ja etwas unglaublich Praktisches. Haben Sie sich schon mal gefragt, wie Sie in der gigantischen Informationsflut zu Ihren Informationen kämen, wenn Ihnen Google nicht helfen würde? Ist Ihnen klar, dass das, was Sie sehen, nicht ist, was andere sehen? Statt an einem Samstagabend miteinander Karten zu spielen oder Fernsehen zu schauen: Googlen Sie mal miteinander. Jede auf ihrem Gerät. Es wird unterhaltsam sein. Das verspreche ich Ihnen. Nur: „Algorithmen nehmen Entscheidungen aus der Hand, und sie bilden Wertvorstellungen ab“. Sie „[…] sind nicht gut oder schlecht, aber die Werte, die sie – mit Absicht oder ungewollt – abbilden, können es sein.“ Was Anna Jobin in ihrem Kapitel sagt, muss man mal sinken lassen (aber bitte zuerst das ganze Kapitel lesen).

Wir tendieren dazu, Google als täglichen Helfer als neutrale Plattform anzuerkennen und das ist ein Irrtum. Wir wissen zwar sehr gut, was wir bekommen – sind uns aber in keiner Weise bewusst, was uns gar nicht erst angezeigt wird.  So fragt Anna Jobin zu Recht:

Wie können Suchende erkennen, dass ihre Stichworteingabe nicht ideal war, wenn doch reichlich Suchresultate dazu gefunden wurden?

Mit etwas Effort kann Algorithmen aber auch ’nachgeholfen‘ werden. Genannt wird die personalisierte, digitalisierte Politwerbung und Klickfarmen. Hier produzieren „unterbezahlte Angestellte in Entwicklungsländern am digitalen Fliessband mit „like“, „follow“ und „reweet“ Interaktion, begünstigt durch die Plattformen. Diese wird dann wiederum von den Algorithmen der gleichen Plattformen honoriert […]“.

Haben Sie das gewusst?

Diese Aussagen und Erkenntnisse sind mir besonders haften geblieben:

  1. Wer denkt, dass es immer darum geht, Menschen von der eigenen Position zu überzeugen und zu mobilisieren, hat weit gefehlt. Verunsichern und demobilisieren ist die Devise. Menschen, die Zweifel an einer Kandidatin oder einer Vorlage haben, bleiben lieber der Urne fern. Das hatte ich so noch nicht auf dem Radar. Es hat mich überrascht und überzeugt – selbstredend, dass ich die Methode verurteile.

2. Dritt-Anbieter-Apps mit Spielen auf Facebook wollen ja nicht unterhalten; sie sammeln Kontakte. Zu dumm, dass man damit nicht nur den Zugriff auf die eigenen Daten freigibt, sondern die Informationen der Facebook-Freunde gleich „mitschickt“.

3. „Online-Instrumente und neue Datenquellen verbessern ironischerweise die Offline-Mobilisierung“ und  „2017 spielte Big Data in ‚Tür-zu-Tür-Wahlkämpfen‘ eine grosse Rolle“. Das ist nachvollziehbar: Wahlhelferinnen und Wahlhelfer, die aufgrund einer sorgfältigen Auswahl an die richtigen Türen klopfen, können effizienter zu Vorlagen aufklären und unentschlossene Wählerinnen und Wähler überzeugen. Diese Strategie ist von den U.S.A über Frankreich und Deutschland auch zu uns unterwegs.

4. Bots spielen zunehmend eine Rolle in politischen Kampagnen: „Oft reicht schon ein einziger provozierender Bot-Kommentar aus, damit sich andere, echte Benutzer zu Hasstiraden hinreissen lassen – oder sich genervt abwenden.“ „10’000 Bots bekommt man schon für wenige Tausend Euro.“ Und ja, auch der Papst hat seinen eigenen Chat-Bot. Dazu eines meiner Lieblingszitate im Buch von Co-Autor Prof. Dirk Helbling:

Social Bots sind wie Doping. Alle wissen, dass es gefährlich ist, aber es lässt sich nur schwer nachweisen.

Das und noch viel mehr

Das Buch blickt weiter nach China, beleuchtet Civic Tech und zeigt auch Wege, mit denen der politische Diskurs angeregt und Demokratien gesund erhalten werden können. Spannend auch der Case von Daniel Graf, der als Mitbegründer von WeCollect.ch zeigt, wie mit Crowd-Kampagnen mobilisiert und mit E-Collecting mit Hilfe des Internets Unterschriftensammlungen erleichtert werden können.

Nicht alle Kapitel sind für alle interessant, manche sind etwas näher an der Wissenschaft und darum weniger leserfreundlich. Aber soviel ist klar: Alle, die sich für politische Kommunikation und die neuen Möglichkeiten zur Meinungsbildung interessieren, werden genügend Stoff zur Inspiration finden. Ihnen allen empfehle ich dieses Buch uneingeschränkt.

Wer neugierig geworden ist und mehr aus der Feder von Adrienne Fichter lesen möchte, dem empfehle ich Zuckerbergs Monster, ein brillant geschriebener Beitrag, welcher am Starttag der Republik Wellen geworfen hat. Zudem veröffentlicht sie auf ihrem Blog politikviernull.com weitere Texte zum Thema Smartphone-Demokratie.

Smartphone-Demokratie (Infos zum Buch und Leseprobe)
#fakenews #facebook #bots #populismus #weibo #civictech
Herausgeberin: Adrienne Fichter
Kartonierter Einband, 220 Seiten
Verlag: NZZ Libro
Sprache: deutsch
ISBN: 978-3-03810-278-6
EAN: 9783038102786
Preis: CHF 38.00 (ohne Gewähr)

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2 Kommentare zu “Smartphone-Demokratie: Wie Social Media und Technologien Politik verändern

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