Mein Twitter-Erfahrungsbericht: von Bots, Followern, Reputation und so

Seit April 2009 bin ich auf Twitter aktiv. Erst zaghaft, zweifelnd, verstehend, hinterfragend, erleuchtet, begeistert, süchtig, ab und zu ernüchtert aber immer überzeugt, dass Twitter ein grandioses Netzwerk ist. Das war damals mein erster Tweet (hier findet ihr euren ersten Tweet):

Heute bin ich quasi „back to Square one“: Ich versuche mich zurecht zu finden. Am vergangen Freitag gegen Abend hat mich ein Bot heimgesucht. Bis 17:48 Uhr war meine Welt in Ordnung und dann ging’s los: Im Sekundentakt kamen neue Follower zu meinem Account dazu. Tweetdeck zeigt das in der eingerichtetet Notifications-Spalte sehr eindrücklich. Normalerweise freue ich mich über neue Follower, aber das was ich da sah, liess mir die Nackenhaare aufstehen: Lauter Eierköpfe indischer und russischer Herkunft. Offensichtlich Fake-Accounts und nicht die Gesellschaft, die ich mir wünsche, um ehrlich zu sein.

Das hat mich in die Sätze gebracht und ich habe fieberhaft nach Lösungen gesucht. Ich habe mich an meine Freundinnen in meiner Lieblings-Facebook-Gruppe und auch an ein paar Facebook-Freunde direkt gewendet. Und sofort haben sich einige mit mit auf die Suche nach einer Lösung gemacht. Lösung bedeutet:

  1. Diesen Irrsinn so schnell wie möglich zu stoppen
  2. Alle diese mittlerweile um die 3’000 Fake Accounts wieder loszuwerden
  3. Dafür zu sorgen, dass sowas nicht wieder vor kommt.

Begleitet hat mich immer ein etwas mulmiges Gefühl: „Nach sechs Jahren auf Twitter solltest du Expertin genug sein um innert nützlicher Frist eine Lösung zu finden.“ Nach zwei Tagen Recherche und Austausch bin ich dahingehend etwas ruhiger: Bots haben keine einheitliche Logik und es gibt auch nicht die einfache Lösung.

Gefeit ist man gegen Bots nicht, eine gewisse Prominenz kann sie wohl aber durchaus begünstigen. Auf diese Art von Reputation könnte ich gerne verzichten, aber das ist die andere Seite der Medaille, jede starke Marke da draussen im Markt kennt das auch.

Massnahmen zu Lösung

  • Nach einer Stunde recherchieren, Passwort ändern (macht man eben einfach mal so), sämtliche Anwendungen blockieren und nach Lösungen suchen habe ich den Account einfach mal deaktiviert. An einen Account, der nicht mehr im Netz ist kann man sich nicht mehr anhängen. Ich gebe es zu, etwas nervös hat mich das schon gemacht, weil ich nicht wusste, was das ganz genau bedeutet. Bedeutet hat das unter anderem, dass andere Twitterer, die ihre Follower Zu-und Abgänge beobachten davon ausgingen, dass sie von mir entfolgt wurden. Wenn man weg ist, ist man weg. Das klingt banal, ist aber eben doch ein Thema, wenn man wie ich bei Twitter dabei bleiben will.
  • Auf Twitter konnte ich dann logischerweise nichts mehr über meinen Verbleib verlauten lassen. So habe ich meine Facebook-Fanseite für eine Information genutzt. Damit habe ich nur einen Bruchteil meiner Follower erreicht. Ich weiss aber, wie gut die Szene vernetzt ist und es sich herumspricht, wenn irgendwo etwas Aussergewöhnliches geschehen ist.
  • Ich habe von verschiedenen Seiten Tipps für Tools erhalten, mit denen ich Fake-Follower ausmachen und wieder los werden kann. Um ein Problem lösen zu können, muss ich es erst einmal einkreisen können. Warum überhaupt der Stress? Was schadet es, wenn ich plötzlich über 10’000 Follower habe und somit in den Augen vieler, die nur auf die Followerzahlen achten, zum Platzhirsch werde? Neben meinem Bauchgefühl hat mir dieser Beitrag zur Einordnung geholfen. Das hat mich bestätigt: Ich will sie los werden, wenn meine Followerzahl versackt ist das für mich sekundär, da gibt es andere Parameter, die für mich wichtig sind.
  • Nach gut 20 Stunden habe ich meinen Account wieder live genommen – nimmt man einen deaktivieren Account nach 30 Tagen nicht wieder live, wird er gelöscht, habe ich gelernt. Nochmals eine Runde Herzklopfen, dann der Live-Gang. Das geschieht peu-à-peu: Erst ist der Account sichtbar mit allen Tweets, aber nicht mehr meine Follower und Followees, aber auch das kommt, Ungeduld ist da fehl am Platz. Und siehe, es war Ruhe, keine neuen Follower (ist ja logisch).
  • Dann ging es ans Aufräumen, erst müssen die Fake Accounts ausfindig gemacht werden, bevor sie geblockt oder auch rapportiert werden könnten: Tools, die ich angeschaut und ausprobiert habe: Twitblock: funktioniert gut, wenn man aber mehrere Tausend loswerden muss, muss ein Batch Job her, dito bei SocialBakers und Fake Followers Check. BotPwn.org findet die Fake Followers und lässt sie in einem Batch-Job löschen. Leider werden die gefundenen Accounts nur unvollständig angezeigt, ich wusste also nicht, ob ich damit auch Twitterer blocke, die mir wichtig sind. Dann habe ich mir bei ManageFlitter einen Pro-Account für 12 USD/Mt. gelöst. Das Tool habe ich früher für meine Account-Pflege schon in der Free-Version gerne genutzt. Damit war ich meine Fake-Followers im Nu los. Man muss zwar auch hier jeden einzelnen manuell blocken, die Maske ist aber so aufgebaut, dass das ganz schnell geht. Wer diesen Job nicht selber machen will, kann ihn auch an ManageFlitter gegen „Einwurf barer Münze“ delegieren, dann sitzen irgendwo andere Menschen, die ihren Klick-Finger ausmieten.
  • Nachdem ich wieder live war habe ich kurz auf Twitter und auch auf meiner Fanseite gemeldet, was war. Kommunikation ist wichtig und es wurde mir auch als Eigen-PR attestiert – ich nehme das mal als Kompliment.

Was ich gelernt habe

Der Ruhe traue ich noch nicht, ich beobachte meine Followers und mache regelmässig Checks, einiges, was ich hier noch los werden möchte:

  • Bei Twitter kann man im Helpcenter alles mögliche melden, für eine übermässige Anzahl Follower (was von Twitter als störendes Phänomen anerkannt wird) gibt es kein Formular. Das ist etwas ärgerlich. Und wenn ihr was gegen Spam machen wollt rät Twitter: bitte jeden einzelnen Account anwählen und als Spam markieren. Vielen Dank aber auch, wenn man das bei Hunderten Accounts machen muss.
  • Ich habe bei Twitter die Mail aktiviert, die mir neue Follower meldet. Offenbar sind aber diese Meldungen nicht vollständig. Fake Follower fallen da irgendwie durch. Zum Zuwachs vom Freitag habe ich keine einzige Meldung erhalten und auch ältere Fake Followers wurden mir nicht gemeldet.
  • Tools finden viel, aber nicht alles. Eierköpfe, fehlende Bios, verdächtige Namen und Aktivitäten geben Hinweise, aber sobald schon mal ein Profilfoto vorhanden ist, ist es nicht klar, ob es sich um einen Fake handelt. So habe ich mich auf die manuelle Suche gemacht. Nur macht es einem Twitter auch da wieder schwer: Wird aus der durchgescrollten Liste jemand blockiert, springt die Liste danach wieder an den Anfang. Und irgendwann kommt die Meldung, dass das Limit an Spam-Meldungen erreicht ist. Darum kann ich jetzt hier in Ruhe diesen Beitrag schreiben – ich habe gerade Block-Zwangs-Pause. ;-)
  • Ich stelle fest, dass ich durch das De- und Wiederaktiveren meines Kontos meinen Leuten hier schon auf eine Weise entfolgt war – klar, ich war ja auch weg. Jetzt bin ich wieder da und werde freudig mit Direct Messages begrüsst und fürs Follower verdankt. Leute, macht das nicht, das ist ein No Go!

Dass ich am Thema dran bleibe und wachsam bleibe, habe ich heute Morgen kommuniziert:

Und ja, ich habe die Frage gestellt bekommen, warum mich das überhaupt kümmert. Das hat wohl einerseits mit meiner Persönlichkeit zu tun, die gerne Ordnung hat. Aber auch damit, dass ich das, was ich auf Twitter (mit-)teile nicht an irgendwelche Bots raushauen sondern in den Austausch mit euch da draussen treten will. 

Twitter_logo_blueIch habe im Zuge meiner Recherche von verschiedenen Leuten, auch solchen, die ich für absolute Twitter-Profis halte gehört, dass man das nur aushalten muss und gar nicht so viel tun kann. Dieser Beitrag hier (und vielleicht schiebe ich ihn auch noch rüber zu Medium) erreicht eine etwas breitere Gruppe. Für mich, aber auch für alle, die hier lesen bin ich dankbar für den Erfahrungsaustausch. Gibt es wirklich nur ausharren oder kann man noch etwas mehr / besser tun wie ich das hier beschrieben habe? Denn alle, die zum Thema beratend unterwegs sind, müssen ihren Kunden auch plausible Antworten und Lösungen anbieten können. In diesem Sinne: Eure Kommentare sind willkommen. 

In diesem Beitrag habe ich meine Helferinnen und Helfer bewusst nicht namentlich genannt. Wir haben uns in Gruppen und zum Teil im direkten Kontakt ausgetauscht, das will ich auch in diesem Rahmen belassen. Aber euch allen, die ihr mich unterstützt und mitgefiebert habt danke ich. Auch wenn die Sache ärgerlich ist, sie hat mir gezeigt, wie du dieses Social-Media-Dings funktioniert, wenn man die Beziehungen aufbaut und (auch mit persönlichen Begegungen) pflegt. 

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5 Kommentare zu “Mein Twitter-Erfahrungsbericht: von Bots, Followern, Reputation und so

  1. Danke für deinen wertvollen Blogpost! Bots und Fake-Accounts blocke ich jeweils umgehend. Checke das fast täglich kurz via „Birdbrain“-App (iPhone) und verwalte meine Followings unregelmässig via ManageFlitter. Gute Erholung vom Schreck und bis bald ;-)

    1. Danke, Birdbrain gibt es für Android nicht, ich mache mich auf die Suche und wer weiss, vielleicht hat auch ein Kommentarleser einen Vorschlag für eine Alternative.

  2. Ich frage mich, ob du da nicht etwas sehr empfindlich bist. Wenn ich jemandem folgen will, gehe ich doch nicht zuerst nachschauen, wer ihm sonst alles folgt und ob seine anderen Follower mir genehm (oder Bots) sind oder nicht. Mich nimmt doch einfach wunder, was die Person zu sagen hat. Und sie kann ja nichts dafür, wer ihr sonst noch followen will.
    Es würde ja nur eine Rolle spielen, wenn du denken würdest: „Sosicles hat nur 600 Follower, und davon sind – wenn ich es genau analysiere – noch ein paar komische Gestalten, und Inder, und vielleicht Bots. Dann ist sicher nicht wichtig, was er sagt.“ Es mag Leute geben, die so denken, meine Welt ist das nicht, und ich glaube auch nicht, dass die Mehrzahl auf Twitter so denkt.
    Aus meiner Sicht ist es ein Problem für Twitter selbst, das die mal an die Hand nehmen müssten, da es für IHRE Reputation ein Thema ist.

  3. Ehrlich gesagt, wenn es sich um ein eine Handvoll Fake-Follower handelt, kümmert mich das auch nicht so sehr. Wenn das aber in die Tausenden geht, dann kommt – wohl nicht ganz unberechtigt – das ungute Gefühl auf, die Kontrolle zu verlieren. Ich weiss, die Kontroll-Diskussion ist nochmals eine ganz andere, viel grössere.
    Ich bin wie du der Meinung, dass Twitter in diesem Bereich nochmals über die Bücher muss. Wie bei anderen grossen sozialen Netzwerken auch werden die User da schon etwas im Regen stehen gelassen.
    Es gehört meiner Meinung nach aber auch zu einem gepflegten Social Media-Profil, dass das Umfeld „sauber“ ist, denn der Kontext färbt auf den Gesamteindruck ab.
    Zum Thema Inder: Ich habe mir noch überlegt, ob ich die Nationalitäten nennen soll. Dass ich es getan habe soll nicht diskriminierend sein, sondern ist einfach ein Fakt, den ich so beobachtet habe – man könnte noch ein paar Nationen mehr aufzählen.
    Ich glaube, in dem Fall, den ich erlebt habe, ist es die Masse und dadurch auch die empfundene Heftigkeit, die meine Reaktion ausgelöst hat. Ich werde diesbezüglich weiterhin wachsam bleiben, auch wenn mir Twitter selber mit den Benachrichtigungen nicht hilft. Hast du Twitter-Mails zu neuen Follower abonniert? Falls ja: Sind die Meldungen vollständig?

  4. Ganz klar, du warst in einer absoluten Extremsituation und ich kann dich sehr gut verstehen. Und vermutlich hätte ich nicht viel anders reagiert. Bei meinem Kommentar ging es mehr darum, die Grundsatzfrage zu stellen: „Bin ich meines Followers Hüter?“
    Zu deiner Frage: Ja, ich habe die Mails schon immer aktiviert und habe bisher noch nicht gemerkt, dass „heimlich“ neue Follower dazu kommen.

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