Dachdecker wollte ich eh nicht werden: Das Leben aus der Rollstuhlperspektive.

Wenn sie händeringend nach gutem Content suchen rate ich meinen Kunden und Studenten jeweils, einen Perspektivenwechsel vorzunehmen. „Schaut die Welt wie ein Fotograf an der die Freiheit hat, ein Objekt aus verschiedenen Winkeln, Standpunkten und Distanzen abzulichten.“ Einen Perspektivenwechsel hat mir auch Raùl Aguayo-Krauthausen mit seinem Buch „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“, gebracht, wenn auch einen etwas Ungewohnten, wie ich zugeben muss. Raùl sitzt aufgrund seiner Glasknochen im Rollstuhl, kämpft gegen unzählige Barrieren im Alltag und sagt von sich:

„Wenn ich aus mir herausgucke, fühle ich mich nicht behindert.“

In diesem Blog bespreche ich Fachbücher rund um PR und Online-Kommunikation. Hat sich das Buch von Raùl Aguayo-Krauthausen hierher verirrt? Nein, nicht die Spur! Raùl kennt mich nicht und trotzdem hat er meine Entwicklung in den sozialen Medien mit verschiedenen Begegnungen (fachsprachlich Touch Points) geprägt.

  • Seit 2010 besuche ich die re:publica in Berlin. Neben Konferenz ist sie auch ein gigantisches Klassentreffen von Menschen, die sich online kennengelernt haben. Über die Jahre habe ich in den sozialen Medien wie Twitter, Facebook und Blogs Menschen entdeckt, mit denen ich im Alltag nie in Kontakt gekommen wäre: Menschen im Rollstuhl, solche die hörbehindert sind oder blind, Menschen mit psychischen Problemen oder unheilbaren Krankheiten. Raùl ist nur einer von ihnen. Soziale Medien schalten zunächst ganz Vieles aus, was Trennen kann: Aussehen, Bewegungen, Geräusche, Gerüche. Was zählt ist ein gemeinsames Interesse, von Tiefgang bis Witz hat fast alles Platz. Ich bin dankbar für diese Chance, Barrieren zu überwinden, bewusster zu werden und aus anderen Schicksalen zu lernen.
  • ET9b_RAULde2011 entdeckte ich Raùl wieder in der Serie 140Sekunden, die ich sehr mag. Ein Tweet (von maximal 140 Zeichen) ist der Anlass für einen kurzweiligen Video-Beitrag über den Absender. Anlass war sein Tweet, als er am Ticketschalter nach seinem Schwerbehindertenausweis gefragt wurde. Auf dem Cover seines Buches steht: „Er beschreibt mit Witz und Sachkenntnis, wie sein Alltag wirklich ist.“ Dieser kurze Videobeitrag bringt genau das rüber.
  • 2012 erschien die zweite Auflage unseres Buches „PR im Social Web“. Erweitert hatten wir sie um das Kapitel „Nonprofit-Organisationen“, das Raùl ist mit einem Tweet eröffnet. Wir stellen auch die Sozialhelden vor, die er zusammen mit seinem Cousin Jan ins Leben gerufen hat. „Einfach mal machen“ haben sie sich auf die Website geschrieben und verbinden die Chancen von sozialen Medien mit der realen Welt auf eindrückliche Weise. Dazu gehört auch das Crowdsourcing-Projekt Wheelmap.org. Mittels App kann jeder Orte die sehr (grün), halbwegs (orange) oder gar nicht (rot) für Rollstühle, aber auch Rollatoren geeignet sind, bezeichnen. In seinem TEDx-Talk in Berlin erklärt er die gesellschaftliche Relevanz einleuchtend:

„Wir brauchen Hilfe als Kinder und als betagte Menschen. Dazwischen sind die meisten von uns nicht behindert.“

  • 2013 habe ich Raùl an der re:publica gesehen und ihn begrüsst, so dachte ich zumindest; schliesslich war er damals Teil unseres Buches. Nur dumm, dass ich nicht ihn erwischte, sondern einen anderen Besucher mit sehr ähnlicher Behinderung und Aussehen mit meiner Freude überhäufte. Für 2014 gelobe ich Besserung, schliesslich „kenne“ ich Raùl dank seinem Buch nun ein kleines Stückchen besser. Die re:publica hat sich aber zu einem Get-together entwickelt, an dem Räder jeglicher Art, ob an Rollstühlen oder Kinderwägen völlig normal sind. (Nur Rollatoren habe ich bisher nicht entdeckt. ;-)
  • 2014 erscheint die dritte, überarbeitete Auflage von PR im Social Web. Natürlich haben wir auch das Kapitel NPO überarbeitet. Ergänzt haben wir das Spendenprojekt 1001 Rampe, das auch dieses Jahr läuft. Und ach ja, aus Raul ist jetzt Raùl geworden ;-)

Dachdecker KrauthausenEntdeckt habe ich das Buch, weil Raùl auf Facebook davon erzählt hat. Spontan bestellt habe ich es sogleich über die App meines Kunden Ex Libris. Einmal ausgepackt habe ich dieses Buch kaum mehr aus der Hand gelegt. Geschrieben ist es mit Tiefgang, Humor und viel ehrlicher Selbstreflektion. Es stimmt nachdenklich, öffnet den Blick auf Themen, die nicht behinderte Menschen (logischerweise) nicht oder kaum auf dem Radar haben. Es zeigt aber auch, wie wichtig Eltern sind, die mit viel Herz, immenser Kraft und einer klaren Linie unterstützen und helfen, den Weg ins Leben zu finden und dann loszulassen. Wie Raùl die Beziehungen zu seinen Eltern, insbesondere zu seiner Mutter, beschreibt, hat mich berührt.

Raùl geht auch auf sensible Themen ein wie die Hilfe bei der Körperpflege, seine Beziehungen zu Frauen und Sexualität. Dabei ist das Buch zwar sehr persönlich gehalten, wird aber nicht zur Nabelschau. Der behinderte Mensch, der sich nach eigenen Worten stets geweigert hat, seine Behinderung anzuerkennen und zum Berufs-Behinderten zu werden, kämpft jetzt als Sozialheld für Anliegen, die eigentlich selbstverständlich sein müssten. Sollte ich jemals ein Restaurant eröffnen, …

Bei der Lektüre haben sich Spannung, wie er die nächste Herausforderung meistert, breites Grinsen und Gänsehaut abgewechselt. Danke, Raùl, dass du mit deiner Offenheit anderen behinderten Menschen Mut machst und uns nicht behinderten Menschen den Blick öffnest und animierst, einmal mehr Äusserlichkeiten aussen vor zu lassen und mitten ins Herz zu schauen. Von Mensch zu Mensch.

Dachdecker wollte ich eh nicht werden: Das Leben aus der Rollstuhlperspektive (auch als Kindle Edition)
Raùl Aguayo-Krauthausen
Taschenbuch: 256 Seiten
Verlag: rororo (2. Januar 2014)
Sprache: Deutsch
ISBN 978-3499622816
Preis: EUR 14.90 (Angabe ohne Gewähr)

Für die Schweiz: Bei meinem Kunden Ex Libris mit Rabatt und portofrei bestellen.

Update vom 3. Januar 2014

Danke Raùl! :-)

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3 Kommentare zu “Dachdecker wollte ich eh nicht werden: Das Leben aus der Rollstuhlperspektive.

  1. liebe frau schindler!

    das ist ja lustig, ich glaub mich sogar noch an unsere begegnung erinnern zu können. :-) ich hab mich damals gefragt wie sie mich mit raùl verwechseln konnten, wo sie doch mit ihm ein buch geschrieben hatten!?!?
    so hab ich es jedenfalls verstanden. ich hatte damals ja keine ahnung, dass sie über seine projekte geschrieben haben. ;-) jetzt ist mir vieles klar!! die re:publica ist für mich immer ein großes „nein tut mir leid, ich bin mabacher.com und nicht raul.de“… ;-D

    ich bin nur froh, dass ich sie nicht verschreckt hab und sie weiterhin ein großer raùl-fan sind!

    ich werd mir jetzt das buch kaufen „gehen“…

  2. Liebe Marie, vielen Dank für diesen tollen Beitrag! Auch ich werde das Buch lesen – Leben kennen lernen aus vielen Blickwinkeln ist der Segen des geschriebenen Wortes – danke an Raul für sein unermüdliches Engagement! Und ich bin sehr erleichtert, dass 2014 die nächste Auflage von „PR im Social Web“ erscheint. Es ist für unsere Akademie das wichtigste Lehrbuch bei der Ausbildung der Social Media Manager – Social Media ist nun mal PR und nicht Werbung!

  3. @Martin Habacher: Richtig, der Mann mit Kopfbedeckung, ich habe Sie noch klar vor mir! Ist ja lustig, auf welche Weise sich unsere Wege wieder kreuzen, erst mal online und hoffentlich auch wieder an der re:publica? Ich bin gespannt zu hören, wie Sie das Buch erlebt haben.

    @Eva Ihnenfeldt: Vielen Dank, Eva, das zu hören freut mich sehr, wir sind mit Hochdruck an der Arbeit. Social Media ist Kommunikation pur. Nachdem die Gratis-Zeit so langsam aber sicher ausläuft, stehen Unternehmen mehr denn je in der Pflicht, ihre Publika mit überzeugendem Content zu binden. Natürlich können sie mit Facebook Ads erst einmal auf sich aufmerksam machen, aber danach gilt es, auch nachhaltige Kommunikation zu bieten, sonst sind die Zuschauer bald wieder weg. Raùl ist mit den Sozialhelden darum eines von vielen guten Beispielen in unserem Buch, wie man das anpackt.

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