Prof. Dr. Bernhard Pörksen: Konnektiv als fünfte Gewalt im Social Web

Wenn sich Unternehmen im Social Web auf die Suche nach Influencern machen, dann läuft sehr Vieles ab. Es geht darum, in einem scheinbar hierarchielosen Raum herauszufinden, wer eben doch etwas mehr zu sagen hat, wie andere. Es geht darum, Orientierung zu schaffen und irgendwo auch etwas Kontrolle über das zu gewinnen was da läuft. Dass das nicht geht, hat Prof. Dr. Peter Kruse sehr eindrücklich in seinem dreiminütigen Statement zum Thema „Revolutionäre Netze durch kollektive Bewegungen“ dargelegt. Sein Referat war mein persönliches Highlight an meiner ersten re:publica 2010, umso mehr hat es mich betroffen gemacht, dass er am 1. Juni im Alter von 60 Jahren völlig überraschend gestorben ist.

Crowd 394An der diesjährigen re:publica war es das Referat von Prof. Dr. Bernhard Pörksen, den ich zuvor noch nicht kannte. Er ist ein begnadeter Redner, was er vermittelt ist unglaublich spannend aber auch temporeich und inhaltlich sehr dicht. Er hat in seinem Referat versucht, die gesellschaftlichen Phänomene, die sich online abspielen, fassbar zu machen. Wir sind vertraut mit dem Begriff der „vierten Gewalt“ und meinen damit den  traditionellen Journalismus. Bernhard Pörksen fügt jetzt die „fünfte Gewalt der vernetzten Vielen“ hinzu und erklärt mit aktuellen Beispielen die Aktions- und Rollenmuster der fünften Gewalt. Mit Blick auf den Begriff Gewalt subtil gewählt ist das Beispiel des neunjährigen Mädchens Martha Payne, die in ihrem Blog das Essen in ihrer Schulkantine beschreibt und damit eine enorme Welle auslöst.

Diese fünfte Gewalt, zu der wir irgendwie alle gehören, kann man weder durch eine gemeinsame Idee oder Ideologie noch durch eine kollektive Moral definieren.

Die fünfte Gewalt hat unglaublich viele Gesichter und ist in ihrem radikalen Pluralismus nur schwer zu erfassen; ein grosses Problem, sagt Pörksen. Verallgemeinern geht nicht, im Gegenteil. Bernhard Pörksen fordert eine Beschreibungs-Fairness welche auf der einen Seite die Individualität stehen lassen und auf der anderen Seite gemeinsame Muster herausarbeiten kann. Als Muster macht er aus:

  1. Rollenmuster
  2. Organisationsmuster
  3. Wirkungsmuster

„Die fünfte Gewalt tritt zuerst vor allem als Protestgemeinschaft in Erscheinung: Blitzschnell, selbstorganisiert, häufig geht es um Ungerechtigkeiten, die man bekämpfen will und wenn man genauer hinschaut sieht man ein riesiges Spektrum an Themen“.

Menschen schliessen sich also in Rollenmustern zusammen um wahlweise zu protestieren, zu enthüllen, zu recherchieren (wie damals bei der Plagiatsgeschichte von Guttenberg), als Agenda-Setter eigene Themen zu setzen, Medienkritik zu betreiben und als Meinungskorrektiv zu wirken. Das frühere Publikum kann sich heute selber Gehör verschaffen und Interessen vertreten.

Zu den Organisationsmustern zur Vernetzung und Interaktion gibt Pörksen drei zur Orientierung auf den Weg:

  1. Der totalitäre Kult: Als Kontrastprinzip wählt er das Beispiel einer Sekte in der die ganze Kommunikation sternförmig auf einen Einzelnen zuläuft, die Interaktionsdichte ist sehr hoch ist und jeder weiss, wer dazu gehört und wer eben nicht. Individualität ist hier ein Störfaktor.
  2. Das Kollektiv: Das kann wahlweise eine Partei oder ein Unternehmen sein. Zugrunde liegt ein gemeinsames Ziel, eine gemeinsame Idee, klare Grenzen nach aussen und nach innen, etwas Hierarchie wobei Individualität möglich bleibt. Wer sich gegen die gemeinsame Sache auflehnt, fliegt raus.
  3. Das Konnektiv: diesen Begriff prägt Bernhard Pörksen neu für die fünfte Gewalt (im Video reinhören ab 16:15). Es handelt sich dabei um eine neuartige Formation von Offenheit und Kompaktheit, von Individualität und Gemeinschaft, welche auf der Basis digitaler Medien entsteht. Das Konnektiv ist weder hierarchisch, noch organisierbar noch steuerbar. Es ermöglicht eine neue Kombination aus dem Ich und Wir. Und was macht dieses Konnektiv so attraktiv? Es ist die Verbindung, die Gleichzeitigkeit und die Möglichkeit als Individuum Teil des Ganzen zu sein.

Unter dem Wirkungsmuster stellt Bernhard Pörksen die Frage, welche Rolle die Macht bei der fünften Gewalt spielt und wie Macht unter den neuartigen Bedingungen der Vernetzung funktioniert. Am Beispiel des fatalen Aids-Tweets von Justine Sacco vor ihrer Südafrika-Reise zeigt er, dass sich das Kausalitätsdenken, wie wir es in Zusammenhang mit der Macht entwickelt haben, nicht auf die digitalen Netzwerke anwenden lässt. Wir verharren in diesem Denkmuster: Je mehr Follower jemand hat, desto grösser die Wirkung. Justine Sacco wurde gemäss Pörksen Opfer von einem Wirkungsnetz, eine diffuse und sehr viel schwerer fassbare Form von Macht und Einfluss. Er räumt ein, dass es gibt Knoten und Konnektoren und wichtige Blogger in einem Netzwerk gibt. Die Macht entsteht jedoch als plötzlich auftretendes Eruptionsphänomen, als plötzlich auftretende Aufmerksamkeit und Empörungs-Attacke der vernetzten Vielen. Diese Macht hat keine persönliche oder institutionelle Adresse, diese neue Macht lebt im Konnektiv, sie existiert im Wirkungsnetz.

Bernhard Pörksen ruft dazu auf, ausgehend von einem anderen Machtdenken über den Einfluss, ob positiv oder negativ, der fünften Gewalt zu sprechen.

Wer noch mehr zum Thema mit ihm hören will schaut sich das DCTP.TV-Interview mit im unter #rp resistier an.

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