Praktikanten im Corporate Blog: Geht das? Ja, aber mit Konzept!

Das Erste was ich in meinem Feed-Reader von einem Blog-Beitrag sehe sind Bild, Titel, Anriss und Autor. Der Entscheid für oder gegen einen Beitrag fällt in Sekundenbruchteilen, schliesslich ist die Leseliste lang. Steht da „by Praktikant“ überspringe ich meist – das gilt übrigens auch für „by editor“, „n.a.“ und dergleichen. Würde ein Klarname stehen, kämen die gleichen Auswahlkriterien wie bei jedem anderen Beitrag zur Anwendung. Eine verpasste Chance zur Profilierung und eine Abwertung der Leistung von Praktikanten, finde ich und habe das bei Twitter zur Frage gestellt.

Praktikan im Blog MCS TweetTwitter ist grossartig! Innert Minuten ergab sich ein Austausch, der zu diesem Beitrag geführt hat. Zusätzlich habe ich einige Blogbetreiber per Mail zu ihrer Praxis angefragt. Die Meinungen sind durchaus geteilt, wobei ich vorweg nehmen kann: Praktikanten haben ihren berechtigten Platz im Blog, wie sie wirken ist eine Frage der Umsetzung.

Der Praktikant das anonyme Wesen?

In diesem Beitrag geht es nicht um den Stellenwert von Praktikanten. Der Einstieg in den Beruf muss irgendwie und hoffentlich möglichst erfolgreich erfolgen. Das läuft nur über Learning by Doing, ganz egal ob man von Praktikant, Lehrling oder Azubi spricht – Frauen immer mit eingeschlossen, versteht sich! Aber es gibt in der Gestaltung der Zusammenarbeit erhebliche Unterschiede:

Im einen Betrieb ist der Praktikant eine billige Kraft welche jene Aufgaben übernimmt, die niemand so richtig erledigen mag. In einem anderen Unternehmen kümmert sich ein Team oder gar eine speziell dafür ernannte Fachkraft darum, dass möglichst viel Wissen und Erfahrung vermittelt werden. Der Praktikant wird angemessen gefordert und gefördert. Die Bandbreite für die Ausgestaltung eines Praktikums ist gross. Und sie hat im Wesentlichen mit der Wertschätzung des jungen Menschen zu tun, der sich über einige Monate im Unternehmen auf seine berufliche Laufbahn vorbereitet.

Stellen Sie sich diese Situation vor: Zu Beginn eines Kunden-Meetings werden die Teilnehmer der Sitzung vorgestellt: Martin von Rohr, Verantwortlich für den Einkauf, Beatrice Schönefeld aus dem Marketing und die Praktikantin. Vielleicht werden auch Visitenkarten ausgetauscht. Die Praktikantin hat keine. Sie bleibt in dieser persönlichen Begegnung ohne Namen und ohne Funktion. Was bleibt da für ein Eindruck? Aha, das ist die Hilfskraft und wenn ich einen Kaffee benötige oder das Klo suche … Die Wertschätzung wird durch ein solches Vorgehen leiden.

Doch zurück zum Blog. Im Feed-Reader oder in der Mailbox erscheint ein neuer Beitrag: „Community-Building: 10 Ratschläge für mehr Interaktion“ by Praktikantin. Hand aufs Herz: Lesen Sie da weiter? Das Kommentarfeld am Ende dieses Beitrags ist offen, Ihre Meinung interessiert mich! Ich stehe dazu, wenn nicht Titel und Intro wirklich überzeugend klingen, gebe ich dem Beitrag keine Chance, schliesslich warten noch zig weitere darauf gelesen zu werden.

Mir geht es nicht um die Frage, ob Praktikanten, Azubis und Lehrlinge bloggen sollen oder nicht. Meine Meinung ist klar: Sie sollen wenn sie können, wollen, angeleitet und begleitet werden. Dann gehört es aber konsequenterweise dazu, ihnen auch eine Identität zu geben. Mit „by Praktikant“ werden sie als anonyme Wesen in den Kampf um die Aufmerksamkeit geschickt. Das muss nicht sein.

Ein Tweet – viele Meinungen

Twitter und der Mailverkehr mit Blog-Betreibern erlauben es, hier meine scheinbar triviale Feststellung in einen breiteren Kontext zu rücken. So antwortete Charles Schmidt von Krones AG auf meinen Tweet von oben mit Blick auf die eigene Erfahrung mit Praktikanten: „Warum wird er dadurch abqualifiziert? Verstehe ich nicht so ganz!!??.“ Verstehe ich, ist doch die Herangehensweise von Krones sehr viel sorgfältiger und differenzierter, wie das Beispiel unten zeigt.

Beim Digital-Berater Christian Henne tat sich darum ein Fragezeichen auf, weil er der Meinung ist, dass Praktikanten nicht „zwangsläufig weniger qualifiziert sind“. Das sehe ich übrigens gleich, es gibt aber alles: besondere Talente und andere, die das Handwerk erst noch erlernen. „Ich verstehe das Argument auch nicht. Die Digital Natives sind wohl eher bei den Praktikanten.“ Da vertrete ich eine andere Meinung: ein geübter Umgang mit sozialen Medien bedeutet nicht gleichzeitig, dass jemand ein Thema besonders gut versteht und dazu auch gewandt schreiben kann. Das muss gelernt werden. Dazu empfehle ich auch den Beitrag von Dr. Kerstin Hoffmann über die Herausforderungen der Digital Natives in der digitalen Kommunikation.

Heike Gallery sah dann schon eher, worauf ich hinaus wollte: „Je nachdem wer die Zielgruppe ist, kann dies durchaus negativ konnotiert sein.“ Mit Press’n’Relations mischte sich auch eine der Agenturen in die Diskussion, die ich auch per Mail angefragt hatte: „Sehen das auch nicht als Abqualifizierung: Praktikant schreibt im Prakti-Blog, ist einfach Tatsache.“ Und damit gibt Vanessa Klein auch bereits Einblick in die konzeptionellen Überlegungen. (mehr dazu unten.)

Was wäre eine Diskussion auf Twitter ohne einen Beitrag von Sascha Stoltenow aka @BendlerBlogger.
Natürlich darf man sichtbar machen, dass ein Praktikant bloggt, sollte man sogar. Aber auch beim Autofahren sitzt der Schüler am Steuer, den Lern-Fahrausweis mit Name und Foto bei sich und an seiner Seite eine Begleitperson, die anleitet. Das L klebt hinten am Auto.

Drei Gründe für „by Praktikant“

Verschieden Blogbetreiber haben mir geantwortet mir die Gründe für ihr Vorgehen verraten:

1. Technik und Aufwand

Jeder Autor muss im Content Management System CMS eröffnet werden. Praktikanten bleiben meist nur eine kurze Zeit und werden dann wieder abgelöst. Wird für jeden Praktikanten ein Autor eröffnet, führt das schnell zu einem „Autorenchaos“, auch soll ein „unnötiger Administrationsaufwand“ vermieden werden.

Gegen das Autorenchaos gibt es einen einfachen Tipp: Autor eröffnen, ihm bei der Publikation seine Credits zugestehen, Name des Praktikanten in den Blogbeitrag setzen. Nach seinem Austritt Beitrag umbuchen auf „Praktikant“. So hält sich die Anzahl der Autoren in Grenzen.

2. Limitiertes Design

Der Blog lässt es nicht zu, dass inaktive Autoren auf der Seite ausgeblendet werden. Damit die Liste nicht endlos lang wird, werden Praktikanten in einer eigenen Autorengruppe, z.B. Praktikant(inn)en, geführt. Eine der angefragten Agenturen evaluiert eine dazu Lösung im Rahmen des nächsten Relaunches der Seite.

3. Mangelndes Bewusstsein

Manche Blog-Betreiber sind sich der Kriterien, nach denen ihre Beiträge ausgewählt und gelesen werden, nicht vollumfänglich bewusst: „Interessant zu erfahren, dass das beim Lesen möglicherweise ein Ausschluss-Kriterium ist.“ meint Aufgesang, seit über 5 Jahren mit dem PR-Agenturblog im Netz. Auch Vanessa Klein von Press’n’Relations sagt: „Ich sehe die Bezeichnung als Praktikant auf keinen Fall als Degradierung oder ähnliches – habe mit diesem Blickwinkel auch ehrlich gesagt nie darüber nachgedacht.“

Praktikanten ja, aber mit Konzept!

Auf den ersten Blick scheint es eine Win-Win-Situation zu sein: Der Blog braucht Futter, der Praktikant hat Zeit, er bekommt seine Spiewiese und etwas Aufmerksamkeit. Ist doch alles gut?

Nein! Finde ich, auch für dieses Thema braucht es konzeptionelle Überlegungen. Christian Henne formuliert das auf  Twitter so: „ist ne Konzept-Frage, aber wenn ich Autoren in ihrer Rolle im Unternehmen darstelle, dann macht das schon Sinn denke ich.“ Und auf meine Nachfrage: „Ja, kann sein. Dann sollte das aber über Praktikanten hinaus gehen, oder nicht?“ meint er: „uneingeschränkt ja.“

Wie lösen das meine Gesprächspartner?

  • Aufgesang hat im PR-Agenturblog nicht nur einen Sammelautor für Praktikant(inn)en, sondern für die Beiträge auch die eigene Kategorie Praktikumsberichte angelegt. Hier finden sich Abschlussberichte, welche einen Einblick in die Agentur geben und helfen, zukünftige Praktikanten zu generieren. Speziell vermarket wird dieser Bereich des Blogs nicht.
  • Einen Schritt weiter geht Press’n’Relations mit dem Prakti-Blog, eine eigene Blog-Kategorie, die als Übungs- und Spielwiese dient, aber auch Einblick ins Agenturleben bietet. Zwar werden technisch die Verfasser unter dem Sammelautor „Praktikant“ geführt, am Ende des Beitrag steht dann aber jeweils der Vorname und der erste Buchstabe des Nachnamens. Dazu Vanessa Klein: „Unsere Praktikanten wählen die Themen frei, auch fernab von ihren Aufgaben bei uns. Deshalb richten sich manche Beiträge an eine breiter gefasste Leserschaft.“ und weiter „Was mir auffällt: Wir bekommen positives Feedback für den Autor „Praktikant“ nach dem Motto: „Das hat ein Praktikant geschrieben – Wow“. Die Beiträge der Praktikanten werden, wie die anderen Artikel auch, vermarktet. Das bedeutet, dass sie via Social Media kommuniziert werden und wenn die Suche nach Praktikanten läuft, werden dafür auch Anzeigen geschaltet.
  • Fischer Apelt nennt auch nicht bei allen Beiträgen die Autoren mit Klarnamen, befolgt aber diese Regel: „Beiträge, die eine Meinung, Haltung oder Einschätzung beinhalten, werden mit einem Autoren genannt.“

Best Practice bei Krones AG

Krones Azubi BlogDurch den Austausch mit Charles Schmidt bin ich auf darauf aufmerksam geworden, wie Krones AG Praktikanten und Azubis pflegt. Das B2B-Unternehmen war in diesem Blog und auch in unserem Buch PR im Social Web verschiedentlich als Best Practice genannt, diese Reihe setzt sich fort. Die Krones AG ist ein börsennotierter Hersteller von Anlagen für die Abfüllung und Verpackung von Getränken und flüssigen Nahrungsmitteln.

Im Corporate Blog werden alle Autoren vorgestellt mit Bild, Name, einer kurzen Beschreibung und dem Link zu den bisher geschriebenen Beiträgen. Aktuell mit dabei: Die beiden Praktikatinnen Lea Müller und Maria Seywald. Keine Spur von „wir wollen unnötigen Administrationsaufwand vermeiden“. Diese Sichtbarkeit ist ein nicht zu unterschätzendes Zeichen der Wertschätzung von Krones AG: Du bist uns den Platz auf der Autorenseite und den Aufwand dich als Autor(in) zu eröffnen wert.

Wer mit eigenem Profil im Blog erscheint ist auch eher motiviert, seine Beiträge zu teilen: Mit Grosseltern, Eltern, Freunden und Berufskollegen. Es es ist für viele vermutlich der erste Schritt sich online im beruflichen Kontext zu profilieren. Ein sorgfältig gepflegtes Online-Profil gehört meiner Meinung nach über kurz oder lang zur beruflichen Entwicklung genauso dazu wie heute ein sauberes, vollständiges Bewerbungsdossier.

2015-07-31 09.02.55Praktikanten erhalten bei Krones also ein Gesicht. Und die Chance, Neues auszuprobieren und sich zu zeigen. Kürzlich erschien in der Kategorie „Menschen“ ein Beitrag von Maria Seywald. Sie ist seit Februar 2015 Praktikantin im Krones Social Media Team und unter dem Titel „Exil im bayerischen Ausland“ portraitiert sie ihre Kollegin Ngoc. Mit verbunden auch der Hinweis auf eine anstehende Periscope-Session. Ende Juli hat Ngoc auf Periscope die schwierige Aufgabe gemeistert, ihr Praktikum bei Krones zu beschreiben. Wer Periscope nicht kennt: Mit dieser Livestreaming App können Nutzer per Smartphone Live-Videos für Jedermann ins Netz stellen. Während die Kameraführung und der Ton bei ihnen liegt, können sich Zuschauer lediglich via Chat einbringen. Ngoc wurde also zugestanden, dieses Neuland zu beschreiten und selber vor die Kamera zu treten. Mit enger Vorbereitung und Begleitung ihrer Betreuerin.

Krones AG fördert nicht nur Praktikanten, sie bildet auch Azubis in allen Bereichen aus. Und auch sie sind werden, wenn sie sich entscheiden im Azubi-Blog mitzuschreiben, in der Autorenliste sichtbarer Teil der Unternehmens. Im Gegensatz zum Corporate Blog werden sie neben Bild, Funktion und einem selber formulierten Porträt lediglich mit Vornamen geführt.

Gemäss ihrem Nachhaltigkeitsbericht hat die Krones AG 2014 weltweit 724 Praktikanten und 535 Auszubildende beschäftigt, was einer Ausbildungsquote von 6% entspricht. Nicht wenige werden übriges nach Abschluss ihrer Ausbilungszeit in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen.

Ein Aufruf

Lassen Sie Praktikanten, die das auch wirklich wollen, im Blog mitschreiben. Wenn Ihnen jedoch für Ihren Blog die Ideen ausgegangen sind. Oder Sie keine Zeit mehr finden, um ihn regelmässig zu befüllen, dann ist der Praktikant nicht die Lösung! Ein Praktikant braucht für all seine Aufgaben Anleitung und Begleitung. Er ist von seiner Leistungsfähigkeit her nicht mit einer fertig ausgebildeten Fachkraft zu vergleichen. Aber er wird aller Wahrscheinlichkeit neue Ideen einbringen, die in der Praxis erst zur Reife kommen. Nur Digital Native zu sein, reicht nicht. Uns allen muss es die Zeit wert sein, unser Wissen zu teilen und den Nachwuchs mit Wertschätzung aufzubauen.

Update von Daimler

Praktikanten Uwe Knaus AntwortZum diesem Beitrag hier hat sich auch Uwe Klaus gemeldet. und auf die Frage ob Praktikanten im Blog mitschreiben sollen sagt er überzeugt: „Unbedingt! Sie haben eine unverkrampfte Sichtweise auf das Unternehmen.“ Wie unverkrampft, zeigt der erwähnte erfolgreiche Blogbeitrag, der keine zwei Monate online ist.

Den Beitrag von Tanja Fichtner zum Thema Schlips adé habe ich natürlich sogleicht gelesen und ich muss sagen: Toll geschrieben. Temporeich. Bildhaft und nahe beim Publikum. Dies ist offenbar der erste Beitrag von Tanja Fichtner im Blog. Aber hoffentlich nicht der Letzte.

Bei Daimler werden Praktikanten beim Namen genannt. Und mit Bild vorgestellt. Und in einer kurzen Bio porträtiert. Sie lassen sich einerseits gefiltert lesen nach Autor oder nach dem Stichwort Praktikum. Kommentare zum Beitrag werden auch von der Autorin selber beantwortet.

 

Ihre Meinung zum Thema

Die erforderlichen Felder sind mit * markiert. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

© 2018 mcschindler.com
Unternehmensberatung für Online-PR und strategische Kommunikation

Neuste Beiträge in Ihre Mailbox

Verpassen Sie nichts mehr zu PR im Social Web, Online-PR und digitaler Kommunikation. Abonnieren Sie die Beiträge jetzt als Newsletter.