Rezension Digitales Erzählen: Die Dramaturgie der Neuen Medien

„Die Art und Weise, wie wir Geschichte erzählen, hat sich grundsätzlich nicht geändert“, sagt Dr. Dennis Eick. Warum hat denn der Buch- und Drehbuch-Autor ein ganzes Fachbuch zum Thema Digitales Erzählen geschrieben? Weil sich die Narration in ihren Feinheiten den Medien und deren Entwicklungen angepasst hat. So stehen heute neue Formate zur Verfügung, welche Geschichten auf neue Art und Weise erzählen lassen: Webserien, Games, Viral Spots, E-Books und Transmediales Erzählen. Dies sind denn auch die Schwerpunkte in diesem Buch, in dem sich alles um die Dramaturgie der Neuen Medien dreht und zu dem es auch eine eigene Website mit Zusatzmaterial gibt. Ich habe das Buch mit Spannung gelesen und stelle hier meine persönlichen Highlights vor.

Wer sich zum Thema Storytelling schlau macht, stösst bald auf mehrere, ähnlich gelagerte Begriffe, die aber nicht das Gleiche besagen. Bei meiner Recherche habe ich einen Fachbeitrag gefunden, der einzuordnen hilft:

  • Crossmediales Storytelling ist das Erzählen von Geschichten mit verschiedenen Medien.
  • Transmediales Storytelling ist das Erzählen einer Geschichte konsequent über mehrere Medien hinweg. Die Grenzen zwischen Buch, Film und Computerspiel, zum Beispiel, werden immer durchlässiger.
  • Social-Media-Storytelling baut auf die Möglichkeiten des Internets und des Social Webs, um eine Geschichte zu erzählen.

Worum es beim Digitalen Erzählen geht, erklären der Autor und gegen 30 Interviewpartner auf 250 Seiten. Erst aber holen sie den Leser mit einem Rundumblick zum Thema Erzählen, Zielgruppen und Märkte ab. Peter Eick baut die Themen sorgfältig auf, die Zitate der Interviewpartner fügen sich harmonisch in den Kontext ein. Schon zu Beginn wird etwas Druck aus dem Thema genommen, ohne jedoch den Leser aus der Pflicht zu entlassen, sich auf die Zukunft vorzubereiten:

Die kurzfristigen Auswirkungen neuer Technologien werden in dem Masse überschätzt, wie ihre langfristigen Auswirkungen unterschätzt werden.

Das ist die eine Grunderkenntnis. Die zweite ist jene, dass wir zwar von Technologien sprechen, jedoch die Menschen, und die Themen, die sie wirklich interessieren, im Vordergrund stehen. So dominieren bei Facebook Geschichten zu Reisen (42%), Umzüge (18%) und Geschichten über das Dating, Hochzeit, Geburt der Kinder und Verlobung (20%). Ach ja, und dann bleibt noch Platz über gebrochene Knochen, Tätowierungen usw. Und weiter hinten im Buch zum Thema Webserien:

Dem Zuschauer ist es völlig egal, über welches Medium er eine Serie konsumiert, wichtig ist nur, dass der eine gute Geschichte erzählt bekommt.

Allerdings ändert sich je nach Medium das Engagement des Medienkonsumenten. Die aktivsten User würde man ja bei den Digital Natives vermuten. Gemäss einer im Buch zitierten Studie der Zeitschrift Neon gibt es diese in dieser Form nicht, „die Gruppe der 18 bis 35-jährigen teilt sich auf in Slacker, Streber, Langweiler, Mitläufer, Vordenker, Einzelgänger und Genies.“ Und damit wir auch klar, dass die einen lieber Lean-Back-Medien konsumieren und andere Lean-Forward-Medien aktiv nutzen und mitgestalten.

Für Content-Anbieter ist das Geschäft anspruchsvoller geworden, denn sie haben es zu tun mit der

  • Fragmentierung des Zielpublikums: ein Massenpublikum ist immer schwerer zu erreichen.
  • Fragmentierung der Mediennutzung: die Medienzeit verteilt sich auf viele Kanäle, die teilweise auch parallel genutzt werden.
  • Fragmentierung des Contents: das lineare Programm war gestern, der Medienkonsument wird zu seinem eigenen Programmchef und macht sich seine eigenen Newsstreams und Playlists.

Was die Identifikation der Zielgruppe anbelangt legt Felicia Day, die Schöpferin der erfolgreichen Web-Serie The Guild, die Latte ganz schön hoch, hat aber recht:

If you can’t sit down and easily identify what kind of person will like your show and name 5 places that person might go to on the internet, you will have a hard time getting the word out, no matter how good it is.

Neu für mich, aber interessant für die Kommunikation in den sozialen Medien, ist die im Kapitel „Games“ genannte Self-Determination-Theorie. Sie beruht auf der Grundannahme, dass Menschen drei fundamentale Bedürfnisse haben:

  1. Bedürfnis nach Kompetenz: soziale Rückmeldungen (und Belohnungen) können diese bestärken.
  2. Bedürfnis nach Autonomie: Menschen wollen das Gefühl von Selbstbestimmung haben.
  3. Bedürfnis nach Beziehung: Wir sind auf der Suche nach verlässlichen sozialen Verbindungen.

In der Zusammenfassung mahnt Dennis Eick nochmals die Skeptiker: Die Musikindustrie hat zehn Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass man das Internet nicht bekämpfen kann. Stattdessen muss man beginnen sich auf die neuen Ideen im Netz einzulassen.

Das Buch schliesst mit einer sehr guten Zusammenfassung, den Portraits der Interviewpersonen und einem umfassenden Quellenverzeichnis. Und es drückt damit aus, was sich als Eindruck bei der Lektüre festgesetzt hat. Guter Content entsteht nicht mehr in Ruhe im stillen Kämmerlein, sondern wird immer mehr zur Teamarbeit, sei dies auf dramaturgisch-inhaltlicher oder aber auch auf technischer Ebene. Gefragt ist das Zusammenspiel von verschiedenen Kompetenzen; ein Schritt weiter also auf dem Weg zur Fragmentierung des Kommunikationsberufs.

Ich habe in diesem Buch alles verschlungen, was mir aus Sicht der Unternehmenskommunikation geholfen hat, einzuordnen. Natürlich hat mich aus der Perspektive als Autorin auch interessiert zu erfahren, welche Möglichkeiten sich bei der Erstellung von digitalen Büchern auftun. Digitales Erzählen empfehle ich allen zur Lektüre, die Inspiration suchen, ihren Horizont erweitern oder aber auch eine Orientierung in ihrer persönlichen, fachlichen und beruflichen Weiterentwicklung suchen. Da draussen wartet eine unheimlich spannende Welt auf sie, die noch entdeckt und erobert werden will.

Digitales Erzählen. Die Dramaturgie der Neuen Medien
Broschiert: 252 Seiten
Verlag: UVK Verlagsgesellschaft; 1. Auflage (22. Januar 2014)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3867644004
ISBN-13: 78-3867644006
Preis: EUR 24,99 (Angabe ohne Gewähr)

Blick ins Inhaltsverzeichnis und Probekapitel.

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4 Kommentare zu “Rezension Digitales Erzählen: Die Dramaturgie der Neuen Medien

  1. Hallo Frau Schindler,
    danke für die detaillierte Rezension. Digitales Erzählen mit dem richtigen Konzept und Instrumentarium wird in Zeiten der digitalen Reizüberflutung immer wichtiger.
    Das von Ihnen empohlene Buch habe ich zur Inspiration sofort geordert :-)

    1. Das freut mich, Frau Figel. Ich bin gespannt, was Sie daraus mitnehmen. Das Buch deckt von strategischen Überlegungen bis zu technischen Darlegungen ein breites Spektrum ab.

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