Sag mir wie Du sprichst und ich sage Dir, wer Du bist

In einer fünfteiligen Serie beleuchten wir, was das Social Web zu dem macht, was es heute ist. Heute betrachten wir im Bauplan für das Social Web das dritte Element:

  • Menschliche Sprache statt sprachliche Standards

Dass Sprache Gemeinschaft erzeugt realisieren wir spätestens dann, wenn wir wieder einmal einer Gruppe Jugendlichen beim Gespräch lauschen. Möglicherweise verstehen wir einige Ausdrücke nicht aber wir spüren das verbindende Element. Verbindend ist ein gemeinsamer Schatz an Wörtern aus dem Alltag, auf den alle gleichermaßen zurückgreifen. Dass wir nicht alles verstehen liegt daran, dass wir auf diesen Schatz nicht zugreifen können oder wollen. Jugendliche verändern ihre Sprache gegenüber der Erwachsenensprache um sich abzugrenzen und den Community-Gedanken zu verstärken. Sprechen sie von fett, meinen sie „super“ und „sehr gut“, wir denken an die nächste Abmagerungskur. Erzählen sie von Massage, geht es um eine heftige Abreibung und Schlägerei, wir ziehen es wohl eher vor an die Behandlung zu denken, die den Körper regeneriert und nicht demoliert. Jugendsprache ist ein, selbst für Sprachwissenschaftler, komplexes Gebiet. Für Kommunikations-Spezialisten ist das genau so, wie sollen sie Jugendliche ansprechen? Haben Sie schon einmal versucht, mit Jugendlichen in ihrer Sprache mitzudiskutieren? Geht nicht, Sie ernten schiefe Blicke weil sich mit dem sich rasant verändernden Vokabular nicht mithalten können. Außerdem wird Ihr Versuch, die Abgrenzung über die Sprache zu überwinden, als anbiedernd, aber auch als Angriff auf den geschlossenen Zirkel der jungen Leute empfunden. Entsprechend abweisend wird die Reaktion ausfallen.

Die Sprache variiert nach Gesprächspartner und Ort

Dieses kleine Beispiel zeigt, dass wir bei der Wahl unserer Sprache intuitiv jede Menge Entscheide fällen, bevor wir die richtigen Worte wählen. Ob wir im Jahresgespräch mit unserem Vorgesetzten, im Fussballklub unter Sportkollegen oder am Familientisch mit unseren Kindern sitzen: Wir passen für jeden Gesprächspartner nicht nur die Inhalte, sondern ein Stück weit unsere Sprache an. Und wie verhält es sich mit dem Ort? Sprechen wir mit unserem Vorgesetzten gleich, wenn wir uns im Sitzungszimmer zur Projektbesprechung treffen

und wenn wir gemeinsam mit ihm auf dem Firmenausflug auf der Sesselbahn sitzen? In der Regel verläuft das Gespräch, wenn das Verhältnis nicht gestört ist, im zweiten Fall deutlich unverkrampfter. Sie sind vermutlich eher bereit auch über Dinge zu sprechen, die im Sitzungszimmer keinen Platz finden würden. Auf der Sesselbahn kann sich ein lockeres Gespräch entwickeln über die Frage, ob Sie Urlaub am Meer oder in den Bergen vorziehen. Ob Sie eher pauschal bleiben und von Bewegung an der frischen Luft sprechen, oder ob Sie sehr konkret vom Campieren oder Ihrem Lieblings-Wellnesshotel erzählen, entscheiden Sie selber. Im Gespräch erfahren Sie mehr über Vorzüge und Ansichten Ihres Gegenübers, machen sich Ihre Gedanken und ziehen Ihre Schlüsse. Dies ist natürlich auch der tiefere Sinn von Betriebsausflügen, dass sich die Team-Mitglieder wieder stärker als Menschen erfassen, die sie sind.

Das Social Web ist ein neuer Ort

Was das nun mit der Kommunikation im Social Web zu tun hat? Sehr viel, wie wir gleich sehen werden. Im Social Web begeben wir uns an einen neuen Ort. Am Anfang ist er uns unbekannt. Während wir intuitiv wissen, wie wir uns in einem Restaurant, in einer Bibliothek oder in der Schalterhalle der Bank zu verhalten haben, ist hier alles noch neu. Schnell stellen wir aber fest, dass der Umgang lockerer ist, als im Alltag und dass Kontakte sehr schnell geknüpft sind. Locker bedeutet aber nicht ohne Sorgfalt. Wir formen unsere Reputation im Social Web nicht nur über die Inhalte, sondern sehr stark über die Sprache, die wir wählen. Rechtschreibefehler, unvollständige Sätze, Abkürzungen, Kraftausdrücke und unverständliche Wörter haben hier nichts verloren. Wer sich im Social Web

bewegt ist zwar offen für den Austausch, nicht aber anbiedernd und unpassend kumpelhaft. Das gilt auch für die Inhalte. Wir sprechen im Restaurant unseren Tischnachbarn meist nicht spontan an. Wenn sich dennoch einmal ein Gespräch ergibt, halten wir erst etwas Distanz, bis wir unserer Gegenüber etwas besser einschätzen können und erzählen nicht gleich unsere intimsten Geheimnisse.

Der Abschied von der standardisierten Sprache

Und wie verhalten wir uns, wenn wir für Unternehmen sprechen? Bisher sind wir uns gewohnt, auf eine standardisierte Sprache zurück zu greifen. Zu Fachausdrücken und Begriffen, die zur Corporate Language gehören. Als ich für eine Gastronomiekette arbeitete, musste ich von Ice Cream sprechen, Glacé, wie wir Schweizer gerne sagen, war schlicht verboten. Wir haben gelernt, dass bei einer Medienmitteilung das Wichtigste an den Anfang kommt und dass Fakten von Meinungen zu trennen sind. Spannung zum Thema aufzubauen war nicht angesagt. Und wenn dann schon viel Geld für die Hochglanzbroschüre ausgegeben wird, dann soll sie im

Minimum klug klingen. Wer schon einmal eine solche Publikation betreut hat weiß auch, durch wie viele Hände sie geht. Jeder fügt noch eine Adjektiv und eine Präzisierung mit ein. Nicht nur, dass sich der Autor des Textes darin nicht mehr findet, auch die Leser vermissen in den gewundenen Formulierungen oft die menschliche Note. Wenn wir davon sprechen, dass sich Unternehmen vermehrt auf Augenhöhe mit ihren Dialoggruppen unterhalten sollen, dann meinen wir auch dieses: Sie müssen eine Sprache wählen, aus der ein Mensch spricht und nicht ein Schreibautomat. Dann gelingt es ihnen auch, näher an ihre Dialoggruppen heranzurücken.

Gemeinschaft entsteht über den Austausch von Inhalten und über die Sprache. Und was hat der Austausch von Wissen mit Gemeinschaft zu tun? Dies beleuchten wir im nächsten Beitrag.

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