Von Müssen, Wollen und Sollen auf Twitter am Beispiel von 10vor10

Das Redaktionsteam der News-Abendsendung 10vor10 im Schweizer Fernsehen beschert uns eine besondere Adventsüberraschung. Oder vielmehr wurde wohl den zuständigen Moderatoren eine Überraschung kredenzt.

Redaktion 10 vor 10Aus SF.tv wird bekanntlich am 16. Dezember aus der Zusammenlegung von Radio und Fernsehen SRF. Dies wurde sinnvollerweise auch genutzt, um die bestehenden Social Media-Auftritte einer Prüfung zu unterziehen und zu konsolidieren. Der bisher wenig dialogisch und eher als tröpfelnder Newsticker konzipierte Twitter-Kanal von 10vor10 wird  zu Gunsten eines sehr viel potenteren, dialogisch orientierten News-Channels von SRF aufgelöst. Der Name bleibt bis zur Umstellung noch geheim. Die Redaktionsleitung von 10vor10 hat nun, im Hinblick auf die Auflösung ihres Redaktionsaccounts, kurzerhand ihre drei Moderatoren Christine Maier, Stephan Klapproth und Daniela Lager auf die Piste geschickt, um sie künftig auf eigene Faust twittern zu lassen.

Als ich gestern meine Kritik zum Twitter-Auftritt von Stephan Klapproth verlauten liess, wusste ich davon noch nichts.

 

Heute (arbeitsbedingt etwas verzögert) habe ich dann diese bedrückende Klarstellung aus der 10vor10-Redaktion gelesen:

Auch die soziale Kontrolle spielt, indem Kritiker dazu gemahnt wurden, den drei Twitter-Newbies etwas Zeit einzuräumen. OK, „chammer mache“, denke ich mir, also Abwarten und Tee trinken:

Während  also munter um die drei betroffenen Moderatoren diskutiert wird, verhalten sich diese ruhig oder „spielen Redaktions-Alltag“:

Dieser Kalt-Start zeugt von mangelnder Vorbereitung und ich schwanke zwischen Mitleid mit den Betroffenen (denn so muss man sie auch ihrem Verhalten nach bezeichnen) und Kopfschütteln über ein derart unprofessionelles Vorgehen und Hau-Ruck-Verfahren jener Verantwortlichen von 10vor10, die das offenbar durchgesetzt haben.

Dieses Verhalten zeugt von nicht vorhandenem Verständnis für die Mechanismen von Social Media, von nicht begreifen können, dass sich auch Journalismus von reinem Broadcast zu Pointcast und Dialog gewandelt hat. Ich mag diese Kritik nicht auf das ganze Haus ausdehnen, weil ich sehr wohl weiss, dass hier einige Mitarbeiter tätig sind, die Twitter absolut im Griff haben und die ich gerne regelmässig lese. Einer davon, Konrad Weber, hat übrigens eine Liste mit allen twitternden Journalistinnen und Journalisten von Schweizer Radio und Fernsehen aufgebaut. Sie sind in unterschiedlichen Stadien ihres Twitter-Daseins. Allen Neu-Startenden wünsche ich dieses geplante Vorgehen:

  1. Lernen: Von bestandenen Twitterati erfahren, was Twitter leisten kann und was eben nicht geht.
  2. Zuhören: Twitter Account eröffnen. Einer prominenten Person würde ich empfehlen, dies erst unter einem Pseudonym mit Symbolbild zu tun, damit das Zuhören auch in Ruhe geschehen kann.
  3. Vernetzen: Nicht nur Follower sammeln (mit Pseudonym wächst die Fangemeinde auch nicht so schlagartig), sondern Followen (selber interessante Menschen und Accounts suchen) und gezielt Zurückfolgen – sonst klappt das mit dem Zuhören nämlich nicht. ;-)
  4. Mitreden: Da und dort im Dialog mitmachen und an den Gesprächen teilnehmen, langsam und stetig.
  5. Profilieren: Mit zunehmender Sicherheit das eigene Profil schärfen: Nutzername (im Gegensatz zu Facebook kann dieser nachträglich geändert werden), Profilbild, Bio und Link.
  6. Rückfragen: Gerade in einem Unternehmen wie SRF, das nachgewiesenermassen Twitter-Profis im Haus hat, die vor und hinter der Kamera stehen, ist der Erfahrungsaustausch möglich. In einer solch komfortablen Situation wäre eine Patenschaft durch erfahrene Twitterer durchaus angebracht.
  7. Evaluieren: Wenn der Funke auch nach mehreren Wochen intensiver Auseinandersetzung nicht gesprungen ist, dann besser ehrlich sein und den Versuch abbrechen. Twitter beenden und den Account wieder löschen. (ja, ja, ich weiss, das Internet vergisst nicht ;-)
Den drei Moderatoren wünsche ich ausnahmsweise Pech beim „Leiterlispiel„: Einmal würfeln und zurück an den Start. Dann aber richtig. Dafür wünsche ich ihnen alles Gute und dass sie bald entdecken, wie facettenreich Twitter ist.

PS: Ich hoffe sehr, hier irgendwann einen Nachtrag schreiben zu dürfen im Stil von: Das war ein eiskalter Start im verschneiten Dezember, aber jetzt im Frühling, beginnen die Blüten zu spriessen.

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