Recherche 2018: So arbeiten Journalisten in der Schweiz

Unternehmen sind mit dem Internet und sozialen Medien in ihrer Kommunikation autonomer geworden. Medienarbeit bleibt aber weiterhin wichtig. Die Umfrage Recherche 2018 von news aktuell zeigt, dass sich für Journalistinnen und Journalisten mit der Digitalisierung auch Quellen und Arbeitsweise verändert haben. Dennoch: die wichtigste Recherchequelle ist immer noch das persönlich Gespräch.

Im Trend sind in der redaktionellen Arbeit die Themen Mobile Reporting und Datenjournalismus. 47% der Befragten arbeiten mehr auf mobilen Devices, sei es für die Recherche oder beim Aufbereiten von journalistischen Inhalten. 55% sehen im Datenjournalismus eine wachsende Bedeutung für ihre Arbeit. Das und mehr zeigen die Resultate aus der Journalistenumfrage, die in der deutschen und französischen Schweiz durchgeführt wurde.

News aktuell, eine Tochter der neu fusionierten Keystone SDA, hat nach zwei Jahren erneut die Antworten von 220 Journalistinnen und Journalisten aus einer anonymen Online-Befragung ausgewertet. Kai Gerwig, Geschäftsführer  von news aktuell, hat die Resultate in Zürich vor vollen Rängen präsentiert. Die Resultate zu den Anforderungen an PR-Material und Ansprechpersonen gehören ins Handbuch jeder Pressestelle für zeitgemässe Medienarbeit. Der kostenlose Berichtsband ist am Ende dieses Beitrags verlinkt.

Quellen von klassisch bis digital

Trotz Digitalisierung bleiben persönliche Gespräche die wichtigste Recherchequelle, 92% bestätigen dies, also praktisch gleich viele wie 2015. Für Kai Gerwig ist das ist insofern nachvollziehbar, als dass im Gespräch Informationen ausgetauscht werden, die individuell auf die Bedürfnisse des Gesprächspartners abgestimmt sind. Das ist nur eine wichtige Massnahme für die Abkehr vom „Einheitsbrei“, der in den Medien nur allzu häufig anzutreffenden ist.

Die Medienmitteilung ist vom zweiten Platz im Jahr 2015 (90%) auf den vierten Platz verwiesen worden. 81% nutzen sie als Quelle für die Recherche, ziehen aber klassische Medien (85%) und Suchmaschinen (82%) vor. Die Suchmaschinen sind ein Wink mit dem Zaunpfahl für alle Medienverantwortlichen, die sich bis heute noch nicht mit dem Thema Suchmaschinen-Optimierung SEO auseinandergesetzt haben. Dafür ist es höchste Zeit, zumal es Unternehmenswebsites nicht unter die Top 5 schaffen, gerade mal 55% der Befragten suchen sie für die Recherche auf! Ich empfehle dazu gerne auf die Antworten von SEO-Expertin Lucia Yapi auf meine 10 Fragen zu SEO und Online-PR.
Recherche 2018 Journalisten News aktuell

Nichts eingebüsst haben Telefoninterviews, sie sind bei 80% geblieben. Pressekonferenzen sind von 72% auf 69% gefallen.

Zu welchen Uhrzeiten wird recherchiert? Spitzenzeiten für die Recherche sind mit 70% der Nachmittag von 14 bis 16 Uhr (Vorjahr 69%) und mit 66% der Vormittag von 10 bis 12 Uhr (Vorjahr 73%). Obschon sich die Recherche in den Nachmittag hinein verlagert hat, rät Kai Gerwig, Medieninformationen von grösserer Tragweite oder Komplexität frühmorgens zu verschicken. Denn nur so schaffen sie es in die morgendliche Redaktionssitzung und es bleibt Zeit für die Recherche. Auch wenn Online-Medien heute das Feld dominieren, sollten Medienverantwortliche das Terminkorsett der Printmedien nicht vergessen.

Die Rolle von Social Media

Social Media lagen 2015 noch bei 63%, heute sind es 3 Prozentpunkte weniger. Eingebüsst haben Corporate Blogs: 38% fanden sie 2015 als Quelle noch valabel, heute sind wir bei 24% angekommen. Das könnte aber auch daran liegen, dass Blogs zu wenig gut suchmaschinenoptimiert sind und darum auch gar nicht erst gefunden werden. Oder dass die Inhalte halt eben zu werblich ausgelegt sind und darum für Journalistinnen keine Relevanz haben.

Social Media werden wichtiger, würde man meinen, denn immerhin geben 60% an, dass sie mehr auf Facebook, Twitter & Co. bauen wollen. Nur: dieser Anteil war vor zwei Jahren mit über 65% noch höher, seither ist die effektive Nutzung jedoch gesunken. Mir war der Punkt, was Journalisten auf Social Media wirklich tun, im Bericht zu wenig umfassend abgehandelt. Gut, dass Kai Gerwig darum noch die Ergänzung aus dem Medien Trend Monitor 2017 (am Ende dieses Beitrags verlinkt) gemacht hat:

Medien Trend Moninor 2017 news aktuell

Aus diesen Zahlen wird klar, dass Journalistinnen und Journalisten auch hier vermutlich nur in Ausnahmefällen auf Unternehmenspräsenzen nach Informationen suchen. Vielmehr beobachten sie in einem Raum, in dem die informelle Kommunikation gepflegt wird, ob sie Anhaltspunkte und Themen für  ihre Beiträge erhalten. Und natürlich nutzen sie Social Media wie wir alle auch um sich selber darzustellen und zu vernetzen. Sie tun also das, was Unternehmen auch tun sollten: Sie mischen sich unter das „Social-Media-Volk“.

Punkto Relevanz nach vorne gearbeitet hat sich die „Vor-Ort-Recherche“: 31% geben an, dass sie für sie an Bedeutung gewonnen hat.

Recherche 2018 Journalisten Schweiz

SDA-direct, Keystone und Getty Images sind die professionellen Datenbanken der Wahl. In den sozialen Medien hat sich die Reihenfolge nicht verändert:

  1. Facebook 65% (Vorjahr 79%)
  2. Twitter 58% (Vorjahr 70%)
  3. YouTube 57% (Vorjahr 69%)
  4. Google+ 42% (Vorjahr 31%), für mich ziemlich überraschend vor LinkedIn:
  5. LinkedIn 37% (Vorjahr 35%).

Der Trend, dass immer mehr Posts aus den sozialen Medien in Beiträge eingebettet werden, bestätigt sich; vor zwei Jahren bejahten dies noch 50%, heute sind es 61%. Es gibt allerdings Unterschiede bei den Altersgruppen, so binden Journalisten unter 35 Jahren mit 80% am meisten Social Content ein. 2016 haben noch 34% der über 50jährigen Inhalte eingebunden, 2018 sind es bereits 52%. Dieses Resultat interpretiert Kai Gerwig etwas spitz damit, dass diese Gruppe versuche, sich damit besonders fit für den Job zu halten.

Multimedia ja, aber…

Als multimediales Material haben Videos, Bilder, Infografiken und Audio an Bedeutung gewonnen. Allerdings gilt es hier zu differenzieren. Videos können Informationen transportieren. Sie werden aber kaum als Beigabe zu Medienmitteilungen erwartet. Noch immer stiefmütterlich behandelt werden Infografiken, was Kai Gerwig wundert, seiner Meinung nach sind sie das meistunterschätzte Format und insbesondere in kleineren Redaktionen beliebt.

Recherche 2018 Journalisten Schweiz

Dass Bilder als Ergänzung einer Medienmitteilung in der passenden Qualität, in Variationen und mit Legenden versehen dazu gehören, ist handwerkliches Wissen, das wir schon lange intus haben sollten. Das scheint aber noch immer ein Thema zu sein. Prüfen Sie doch einfach mal das Bildmaterial, das Sie auf Ihrer Website zum Download bereitgestellt haben. In der Regel schätzen es Journalistinnen nämlich, anstelle von schweren Anhängen einen Link zu den Bildern zu erhalten. — Ergänzend gibt Kai Gerwig dem Publikum noch seinen Lieblingsspruch mit auf den Weg: „Eins hoch eins quer ist gar nicht schwer“, damit werden alle Bedürfnisse an Fotos im Hoch- und Querformat mitgedacht.

Interessant finde ich den Wunsch, dass die Nutzungsrechte geklärt sind und die Quelle vermerkt ist. Gerade bei den Nutzungsrechten war ich der Ansicht, das Material, das Medien zur Verfügung gestellt wird, auch zur Nutzung vorgesehen ist. Nehmen Sie also den Wunsch mit, dass Nutzungsrechte und Quelle geklärt sind. Diese Informationen lassen sich übrigens problemlos in den Metadaten hinterlegen. Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass bei den heutigen technischen Möglichkeiten das Bildmaterial aus einer Medienstelle alle Bedingungen per default erfüllt.

Ein Umdenken in vielen PR-Abteilungen dürfte der Bedarf an Hintergrundinformationen als Links bewirken, 87% halten sie für wichtig. Dieses Material muss erst einmal – über die reine Mitteilung hinaus – aufbereitet sein. Und dann kann ich mir gut vorstellen, das hier eine Quellenvielfalt über das Unternehmen hinaus durchaus geschätzt wird. Dass Hintergrundinfos als PDF einen so hohen Stellenwert haben, bringt mich, offen gestanden, etwas zum erschaudern. Und in der Abbildung unten wird nochmals klar, dass die Vermittlung von Inhalten über Videos zwar geschätzt wird, diese aber nicht unbedingt mitgeliefert werden müssen.

Recherche 2018 Journalisten Schweiz

Wünschen kann man ja Vieles, für PR-Schaffende ist aber die effektive Verwendung interessant. Darum ergänze ich im Folgenden gerne die Grafik zum effektiven Einsatz.

Wünsche an die Medienstellen

Offenbar haben sich die Medienstellen innerhalb von zwei Jahren nicht wirklich verbessert, denn noch immer werden die offenere Kommunikation in Krisen — 60% (Vorjahr 59%) — und schnelle Antworten auf Anfragen — 50% (Vorjahr 61%) — als Hauptanliegen genannt. Dass der Wegfall von Registrierungsschranken für Multimedia-Material noch immer ein Thema ist — 25% (Vorjahr 35%) –, gibt mir schon zu denken. Zur Krisenkommunikation merkt Kai Gerwig nicht mit Unrecht an, dass die Komplexität der Kommunikation in Krisenlagen von Journalisten wohl mehrheitlich unterschätzt wird. 37% wünschen sich Personen, die als Branchenexpertinnen für Auskünfte zur Verfügung stellen. Hier schlummert für Unternehmen noch sehr grosses Potenzial.

Recherche 2018 Journalisten Schweiz

Und übrigens, liebe PR-Kolleginnen und PR-Kollegen: Falls Medienreisen für Sie noch ein Thema sein sollten: 32% der Befragten geben an, dass sie an solchen Reisen gar nicht mehr teilnehmen dürfen.

Journalistinnen und Journalisten haben viele und mehrheitlich auch berechtigte Ansprüche an professionelle Pressestellen. Diese klagen jedoch meist über Überlastung und auch hier hat Kai Gerwig ein paar Ratschläge zur Hand, nämlich die grössten Zeitfresser zu Gunsten einer besseren Qualität in der Medienarbeit zu eliminieren.

 

Über Recherche 2018

  • Initiator: news aktuell (Keystone-SDA-Tochter)
  • Titel: „Recherche 2018: Wie Journalisten heute arbeiten“
  • Teilnehmer: 899 Journalistinnen und Journalisten aus D-A-CH, davon 220 Journalistinnen und Journalisten aus der Schweiz.
    • 45% Tages-/Wochenzeitungen
    • 40% Zeitschriften
    • 29% Social Media
  • 63% der Schweizer Teilnehmenden veröffentlichen sowohl Online wie auch in Print (+20% gegenüber 2015), 16% nur in Print, 18% nur Online, 3% Sonstiges
  • Methode: Onlinebefragung
  • Zeitraum: November 2017

Zum Download des Berichtsbands „Recherche 2018“ von news aktuell mit den Antworten der Schweizer Journalistinnen und Journalisten. Ergebnisse aus Deutschland.

Ebenfalls interessant zum Download: Medien Trend Monitor 2017.

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