
Welche Auswirkungen hat generative KI auf Glaubwürdigkeit, Zusammenarbeit und strategische Führung? Dieser Frage widmet sich der Communication Management Radar 2026 der Academic Society for Management & Communication. Die Studie beschreibt fünf Entwicklungen, welche die Unternehmenskommunikation in den kommenden Jahren prägen werden, und zeigt auf, wie Kommunikationsteams in einem technologisch geprägten Umfeld resilient und zukunftsfähig bleiben können. Dabei geht es ausdrücklich nicht um vorschnelle Umsetzungsempfehlungen. Stattdessen regt der Bericht zur Reflexion an: Wie passen diese Entwicklungen zu meiner Organisation, meinem Team und meiner Rolle?
Die wissenschaftlich und interdisziplinär angelegte Studie identifiziert fünf strategische Phänomene: „Simulated Communication“, „Constrained AI Agents“, „Cognitive Drift“, „Power Flux“ und „Strategic Subtraction“. Diese Begriffe wirken auf den ersten Blick abstrakt und sind nicht selbsterklärend. Was genau dahintersteckt und weshalb die Themen für Kommunikationsprofis relevant sind, ordne ich im folgenden Beitrag ein.
Keine Zeit für den ganzen Deep Dive? Am Ende des Beitrags finden Sie das TL;DR (Too Long; Didn’t Read) und den Direktlink zur Studie, die dann allerdings wieder etwas mehr Lesezeit beansprucht. ;-).
Methodik: Wie der Bericht entstanden ist
Herausgeberin ist die Academic Society for Management & Communication, ein gemeinnütziger Thinktank, der von führenden Unternehmen und Universitäten getragen wird. Die wissenschaftliche Leitung lag bei Dr. Michelle Wloka und Prof. Ansgar Zerfass von der Universität Leipzig.
Die Erkenntnisse basieren auf einer mehrmonatigen Literaturrecherche zu den Themen Technologie, Management und Sozialwissenschaften. Dabei wurden Hunderte wissenschaftliche Studien, Fachbeiträge, Blogs und Trendberichte aus jüngerer Zeit analysiert.
In einer zweiten Phase diskutierten im Herbst rund 30 internationale Kommunikationsverantwortliche und Mitglieder ihrer Führungsteams die identifizierten Entwicklungen in mehreren digitalen Workshops. Die Einschätzungen aus der Praxis flossen direkt in den Bericht ein und werden an verschiedenen Stellen zitiert.
Damit ist der Communication Management Radar 2026 weit mehr als eine klassische Trendschau. Der Bericht versteht sich als Navigationsinstrument für Kommunikationsverantwortliche. Er verbindet fünf strategische Phänomene mit konkreten Empfehlungen, Reflexionsfragen und weiterführenden Literaturhinweisen. Ziel ist es, blinde Flecken zu erkennen, Entwicklungen kritisch zu reflektieren und Kommunikationsteams resilient aufzustellen.
Simulated Communication: KI und Bots als stille Meinungsmacher
Die Studie beschreibt eine Kommunikationsumgebung, in der menschliche und synthetische Kommunikation zunehmend verschwimmen. Bots, algorithmische Verstärkung und generative KI-Systeme beeinflussen zunehmend, welche Inhalte sichtbar werden und wie öffentliche Meinungsbildung entsteht.
Laut dem Bericht werden bereits bis zu 60 Prozent des weltweiten Web-Traffics von Bots erzeugt, wobei 37 Prozent auf Spam oder Manipulation entfallen. Gleichzeitig verändert GenAI die Informationssuche grundlegend. ‚Zero Click‘ bedeutet, dass KI-Systeme Antworten liefern, anstatt auf Webseiten zu verweisen. Je nach Studie führt dies zu 34 bis 60 Prozent weniger organischen Webseitenbesuchen.
Hinzu kommt die sogenannte Dead Internet Theory, der zufolge Social Media und Suchergebnisse zunehmend von synthetischen Inhalten dominiert werden. Dadurch drohen menschliche Interaktionen an Sichtbarkeit zu verlieren.
Kommunikationsprofis stellt sich somit eine zentrale Frage: Wie können Organisationen in digitalen Räumen, die zunehmend durch automatisierte Kommunikation geprägt sind, sichtbar und glaubwürdig bleiben?
Die Studie empfiehlt unter anderem:
- Generative Engine Optimization (GEO) statt klassischem SEO, also Inhalte stärker zu strukturieren und für KI-basierte Such- und Antwortsysteme aufzubereiten, beispielsweise mit FAQs, Faktenchecks und Listen.
- Authentizität strategisch abzusichern, etwa indem menschliche Autorenschaft bewusst sichtbar gemacht wird.
- Direkte Interaktion durch Video, Audio und persönliche Dialoge zu stärken, da diese Formate schwieriger synthetisch reproduzierbar sind.
- Monitoring und Analysen kritischer zu hinterfragen, da Bot-Aktivität und KI-generierte Interaktionen Daten verzerren und zu falschen strategischen Schlüssen führen können.
Spannend ist zudem eine Diskussion, die Prof. Christof Ehrhart von Bosch anspricht: In der Kommunikationsbranche wird zunehmend darüber diskutiert, ob KI-Systeme künftig selbst als Stakeholder behandelt werden müssen. Genau darin sieht er eine problematische Verschiebung des ursprünglichen Stakeholder-Verständnisses.
Constrained AI Agents: Autonome Systeme zwischen Chance und Kontrollverlust
KI-Agenten markieren den Übergang von assistierender zu autonomer Software. Während klassische Copiloten auf Prompts reagieren, verfolgen Agenten eigenständig definierte Ziele und führen Aufgaben selbstständig aus. Dadurch verändert sich auch die Mensch-Maschine-Interaktion: Wir geben nicht mehr den detaillierten Lösungsweg vor, sondern definieren lediglich das gewünschte Ergebnis bzw. das zu lösende Problem. Den Weg dorthin findet die KI dann autonom.
Im Communication Management Radar 2026 werden diese Systeme als „Constrained AI Agents“ bezeichnet. Damit sind autonome Systeme gemeint, deren Einsatz trotz grosser Potenziale klare Leitplanken benötigt. Denn je stärker KI-Agenten mit dynamischen Daten, externen Tools oder anderen Systemen interagieren, desto schwerer wird ihr Verhalten vorhersehbar und kontrollierbar.
Für Kommunikationsprofis entstehen daraus neue Risiken. Wer trägt Verantwortung, wenn ein Agent Fehlentscheidungen trifft? Wie lassen sich Reputationsschäden verhindern? Und wie können Organisationen mit Skepsis bei Mitarbeitenden und Stakeholdern umgehen?

Die Studie empfiehlt deshalb:
- KI-Agenten sollten vor dem Einsatz systematisch bewertet werden, beispielsweise nach den Kriterien Funktion, Rolle, Vorhersehbarkeit, Autonomiegrad, Autorität, Anwendungsfall und Kontext.
- Menschliche Aufsicht sicherzustellen, insbesondere bei kritischen Entscheidungen.
- KI-Agenten sollten als Teil einer langfristigen digitalen Transformation betrachtet werden und nicht als kurzfristiger Workaround für veraltete Systeme.
- regulatorische und gesellschaftliche Entwicklungen rund um KI-Agenten laufend zu beobachten, etwa mit Blick auf den EU AI Act, und deren mögliche Auswirkungen auf Vertrauen und Reputation zu berücksichtigen.
Eine zentrale Erkenntnis der Studie ist dabei spannend: Je autonomer KI-Systeme handeln, desto wichtiger werden menschliche Aufsicht, klare Verantwortlichkeiten und nachvollziehbare Entscheidungen.
Cognitive Drift: Wie KI unser Denken verändert
Der Begriff „Cognitive Drift“ steht im Communication Management Radar 2026 für die Gefahr, dass generative KI unsere Fähigkeit zu kritischem Denken, eigenständiger Analyse und tiefgehender Informationsverarbeitung schwächt. Je häufiger KI-Systeme Aufgaben übernehmen, die früher aktives Nachdenken erforderten, desto grösser wird das Risiko einer oberflächlichen Informationsverarbeitung und einer sinkenden kognitiven Anstrengung.
Ein in der Studie zitiertes Experiment von Kosmyna et al. (2025) veranschaulicht dies eindrucksvoll. EEG-Messungen, also die Messung der Aktivität des Gehirns, zeigten bei Personen, die ChatGPT für Schreibaufgaben nutzten, die geringste neuronale Aktivität. Gleichzeitig verschlechterten sich die sprachliche Qualität und die Eigenständigkeit der Texte.
Das führt zu mehreren Risiken. Dazu gehören eine reduzierte kritische Denkfähigkeit ebenso wie die zunehmende Homogenisierung von Inhalten und Perspektiven. Hinzu kommt der sogenannte ‚Google-Effekt‘: Menschen eignen sich Wissen immer seltener selbst an, sondern wissen vor allem, wo bzw. über welche Systeme Informationen abrufbar sind.
Für Kommunikationsprofis ist das besonders relevant. Strategische Kommunikation lebt von Urteilskraft, Kontextverständnis und der Fähigkeit, komplexe Entwicklungen kritisch einzuordnen. Werden Inhalte und Analysen jedoch zunehmend von KI-Systemen übernommen, drohen genau diese Kompetenzen zu erodieren.
Die Studie empfiehlt deshalb:
- Medien- und KI-Kompetenz in Teams gezielt zu stärken, damit KI-generierte Inhalte und deren Grenzen kritisch eingeordnet werden können.
- KI-Systeme sollten als Werkzeug für Analyse und Szenarien genutzt werden, nicht als Ersatz für menschliche Urteilskraft und strategisches Denken.
- Krisenkommunikation neu zu denken, da Glaubwürdigkeit, Quellen und Kontext in einer von KI geprägten Informationsumgebung an Bedeutung gewinnen.
- Eigenständige Reflexion und analytische Fähigkeiten bewusst zu fördern, damit Kommunikationsabteilungen ihre Rolle als strategische Berater behalten.
Die zentrale Frage lautet somit: Wie können Kommunikationsabteilungen KI produktiv nutzen, ohne genau jene Fähigkeiten zu verlieren, die ihren strategischen Wert ausmachen?
Power Flux: Machtverschiebungen in digitalen Ökosystemen
Der Communication Management Radar 2026 beschreibt mit „Power Flux“ eine tiefgreifende Verschiebung von Einfluss und Macht in digitalen Kommunikationsräumen. Traditionelle Medien verlieren insbesondere bei jüngeren Zielgruppen an Bedeutung, während Plattformen wie Google, Meta oder TikTok zunehmend bestimmen, welche Inhalte sichtbar werden und wie öffentliche Debatten entstehen.
Gleichzeitig verändern hybride Arbeitsmodelle auch die Machtstrukturen innerhalb von Organisationen. Klassische hierarchische Autorität verliert an Bedeutung. Stattdessen gewinnt relationale Macht an Gewicht, also die Fähigkeit, durch Vertrauen, Netzwerke, Informationszugang und Zusammenarbeit Einfluss auszuüben.
Für Kommunikationsprofis bedeutet das: Stakeholder-Management wird komplexer und dynamischer. Einfluss entsteht zunehmend ausserhalb klassischer institutioneller Strukturen und verschiebt sich situativ zwischen Plattformen, Netzwerken und Einzelpersonen.
Die Studie empfiehlt deshalb:
- relationale Macht gezielt aufzubauen, indem Vertrauen, Informationszugang und Zusammenarbeit aktiv gefördert werden.
- Facilitators im Team verbinden als Brückenbauer Menschen, Wissen und Perspektiven, unabhängig von ihrer formalen Position. So machen sie die kollektive Intelligenz Ihrer Organisation erst nutzbar.
- Stakeholder-Netzwerke regelmässig neu zu analysieren. Dazu gehört auch die Prüfung, ob die bestehenden Strategien zur Einbindung der Stakeholder mit den Unternehmenszielen im Einklang stehen.
- Anpassungsfähigkeit und relationale Resilienz zu stärken, damit Kommunikationsteams flexibel auf neue Machtverschiebungen, Prioritäten und externe Einflüsse reagieren können.
Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Einschätzung von Dr. Matthias Krämer von Siemens Healthineers. Trotz aller technologischen Veränderungen verweist er auf eine klassische Grundidee der Kommunikation: Vertrauen, Verständnis und tragfähige Beziehungen entstehen letztlich weiterhin im direkten persönlichen Dialog.
Strategic Subtraction: Weniger ist mehr
Viele Organisationen reagieren auf Probleme, indem sie zusätzliche Tools, neue Prozesse oder weitere Kanäle einführen. Genau das erhöht jedoch oft die Komplexität, statt sie zu reduzieren. Strategic Subtraction setzt deshalb bewusst auf Vereinfachung und fokussiertes Weglassen.
Die Autoren sprechen in diesem Zusammenhang vom „Additive Bias„. Damit ist die menschliche Tendenz gemeint, Verbesserung automatisch mit mehr gleichzusetzen. Genau darin sieht die Studie jedoch ein wachsendes Problem für Kommunikationsabteilungen und Organisationen insgesamt.
Denn steigende Komplexität bindet Aufmerksamkeit, Ressourcen und Entscheidungsfähigkeit. Laut einer zitierten Studie verbringen Wissensarbeitende fast die Hälfte ihrer Arbeitszeit mit Aufgaben, die sie selbst als wenig wirkungsvoll einschätzen. Gleichzeitig verwässern zu viele Projekte strategische Prioritäten.

Strategic Subtraction bedeutet deshalb nicht nur Sparen oder Streichen. Vielmehr geht es darum, bewusst zu entscheiden, was nicht mehr getan wird. Dabei greift die Studie einen bekannten Gedanken von Michael Porter auf: Strategie bedeutet immer auch, zu entscheiden, worauf verzichtet wird.
Die Studie empfiehlt deshalb:
- eine Kultur des Weglassens zu etablieren, in der das Stoppen oder Pausieren von Aktivitäten als strategische Leistung verstanden wird.
- strategische Subtraktion fest in Planungs- und Priorisierungsprozesse einzubauen.
- Kommunikationsaktivitäten konsequent auf Wirkung und strategischen Nutzen zu überprüfen.
- Methoden wie OKRs zu nutzen, um Ressourcen stärker auf relevante Themen und messbare Wirkung zu fokussieren.
Salvatore Ruggiero, Vice President Marketing & Communication bei Schott, bringt die Praxisperspektive ein. Er beschreibt, wie die Kommunikationsabteilung mithilfe von OKRs Nice-to-have-Aktivitäten reduziert und dadurch die strategische Position der Kommunikation im Unternehmen stärkt.
Fazit: Worauf es jetzt wirklich ankommt
Der Communication Management Radar 2026 zeigt klar, dass die Zukunft der Unternehmenskommunikation nicht allein von neuen Technologien abhängt. Im Zentrum stehen vielmehr Fragen nach Glaubwürdigkeit, Verantwortung, Einfluss und Fokus.
Dabei ist ein gemeinsames Muster aller fünf Phänomene auffällig: Je stärker die Kommunikation technologisch geprägt ist, desto wichtiger werden menschliche Urteilskraft, strategische Reflexion und klare Prioritäten. Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung für Kommunikationsverantwortliche.
Der Bericht macht deutlich, dass Kommunikationsteams künftig nicht nur neue Tools beherrschen müssen. Ebenso wichtig wird die Fähigkeit sein, Komplexität bewusst zu reduzieren, KI-Systeme kritisch einzuordnen, Vertrauen aktiv aufzubauen und die Rolle als strategische Berater zu stärken.
Besonders relevant erscheint dabei der Gedanke der Strategic Subtraction. Während viele Organisationen auf neue Anforderungen reflexartig mit zusätzlichen Prozessen, Plattformen und Kanälen reagieren, plädiert der Communication Management Radar 2026 bewusst für Fokus, Vereinfachung und Priorisierung. Gerade Kommunikationsabteilungen stehen zunehmend unter Druck, Wirkung klarer nachzuweisen und Ressourcen gezielter einzusetzen.
Der vielleicht wichtigste Gedanke der Studie lautet deshalb: Zukunftsfähige Kommunikation entsteht nicht durch maximale Automatisierung, sondern durch bewusste Entscheidungen darüber, wo menschliche Verantwortung, Urteilskraft und Dialog unverzichtbar bleiben.
TL;DR: Der Communication Management Radar 2026 in der Kurzübersicht
✂️ Strategische Subtraktion (Strategic Subtraction): In einer überkomplexen Welt ist das bewusste Weglassen von Aufgaben der wichtigste Hebel für Effizienz und Resilienz.
🤖 Simulierte Kommunikation (Simulated Communication): Die Grenze zwischen Mensch und Maschine verschwimmt; bis zu 60 % des Web-Traffics stammen bereits von Bots und KI-Systemen.
🛡️ Eingeschränkte KI-Agenten (Constrained AI Agents): Autonome Systeme übernehmen komplexe Aufgaben, stossen aber in der unvorhersehbaren realen Welt an ihre Grenzen und brauchen menschliche Leitplanken.
🧠 Kognitiver Drift (Cognitive Drift): Die ständige Auslagerung von Denkprozessen an die KI führt zu mentaler Bequemlichkeit und schwächt unsere kritische Urteilsfähigkeit.
🕸️ Machtdynamiken (Power Flux): Klassische Hierarchien verlieren an Boden; Einfluss entsteht künftig stärker durch Vertrauen und Netzwerke – die sogenannte relationale Macht.
Hier geht es zur Website des Communication Management Radar 2026 und zum Download des PDF.
Die Akademische Gesellschaft veröffentlicht seit einigen Jahren einen Trend Radar. Den Trend Radar 2024 und den Trend Radar 2023 mit jeweils fünf Trends und Handlungsanleitungen habe ich bereits besprochen.